Stolpersteine in Salzburg

Zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus werden in vielen Städten «Stolpersteine» verlegt. Für Salzburg hat der Dachverband Salzburger Kulturstätten die Organisation des Projekts über. Getragen wird es von einem unabhängigen Personenkomitee. Gert Kerschbaumer ist beteiligt und gibt Einblick in die Gedenkarbeit.

Linzer Gasse 5 ist ein Haus in Salzburg mit auffälligen Schildern auf der rechten Seite des Türportals: «Frankonia-Brünn zu Salzburg» und «Germania Salzburg 1883»: gut lesbare Namen von zwei schlagenden Burschenschaften. Heutzutage befremdlich und erklärungsbedürftig.

Wie glaubhaft ist das Gründungsjahr 1883 der Germania Salzburg? Ihren Sitz hatte sie damals bestimmt nicht in diesem Haus. 1883 ist das Gründungsjahr der Firma Rudolf Löwy in Salzburg, einer Kohlenhandlung, die eine Zeit lang ihr Geschäft im Haus Linzer Gasse 5 hatte. An diesem Ort stoßen gegensätzliche Narrative aufeinander.

Schweift der Blick von den Portalschildern der Burschenschaften, die sich in Kopfhöhe der Betrachter*in befinden, auf den Geh- und Verkehrsweg, sieht man drei matt glänzende Messingschilder, jeweils 10 × 10 cm groß: die sichtbaren Teile von «Stolpersteinen», die vor dem Hauseingang in einer Granitplatte des öffentlichen Weges auf gleicher Ebene eingebettet sind. Man muss sich bücken, um die auf Messingschildern eingravierten Namen und Daten der Terror-Opfer lesen zu können: Ernst, Ida und Herbert Löwy, ein Ehepaar und ihr 1926 in Salzburg geborener Sohn, 1943 ermordet in Auschwitz. Der Terror begann im Haus Linzer Gasse 5: Es war die letzte frei gewählte Adresse der jüdischen Familie Löwy bis zu ihrer Vertreibung im November 1938. «Hier wohnte …»: So lapidar beginnt die Inschrift für Opfer, die kein Grab haben, nun aber einen Namen und einen Ort im Gedächtnis der Stadt Salzburg.

Stolpersteine ruhen im Boden, sind Teil des öffentlichen Raumes und des Alltags. Opfer-Biografien sind hingegen im digitalen Raum, im Internet weltweit abrufbar, in deutscher und englischer Sprache: Die Webseite Stolpersteine Salzburg, von Jahr zu Jahr besser besucht, hatte anfänglich 400 Besucher*innen täglich, jetzt doppelt so viele, ein weltweiter Anstieg, den wir der englischen Version der Internetpräsenz verdanken. Auf der Webseite erfährt man mehr über die Familie Löwy und die Linzer Gasse 5: Das Haus war seit 1892 Eigentum der ebenfalls aus Salzburg vertriebenen jüdischen Familie Fürst. Es wurde beim Novemberpogrom 1938 beschädigt, daraufhin enteignet und nach der Befreiung Österreichs nicht zurückgegeben. Terror, der am ‹arisierten› Haus nicht sichtbar ist, da kein Schild an die beraubte Familie Fürst erinnert, deren Nachkommen in den USA leben.

Das Projekt Stolpersteine in Salzburg

Vor diesem Privathaus, dem Sitz von schlagenden Burschenschaften seit den 1980er Jahren, konnte der Künstler Gunter Demnig im Beisein von Marko Feingold als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde die ersten Stolpersteine in Salzburg verlegen: am 22. August 2007 mit Genehmigung der Stadt Salzburg als Eigentümerin der öffentlichen Verkehrswege. Die Stolpersteine werden aber nicht von der öffentlichen Hand bezahlt, vielmehr von Privatpersonen, die aus freien Stücken Patenschaften übernehmen. Der Künstler Gunter Demnig erhält 120 Euro für einen Stein samt Verlegung.

Das Projekt Stolpersteine Salzburg ist ein zivilgesellschaftliches Projekt, das weder politisch noch institutionell gesteuert wird. Jeder Mensch, gleich welcher Partei, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Hautfarbe, kann dem Personenkomitee Stolpersteine angehören. Initiatorin des Projektes war Gemeinderätin Inge Haller, Organisator ist Thomas Randisek vom Dachverband Salzburger Kulturstätten. Im Hintergrund geschieht viel dokumentarische Arbeit, ehrenamtlich und mit Respekt vor allen Opfern.

Mittlerweile konnten, nicht zuletzt mit Hilfe der Bauabteilung des Magistrats, 415 Stolpersteine verlegt werden, und zwar für alle Opfergruppen, auch für Zwangsarbeiter*innen, Menschen mit Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen, Roma & Sinti, Homosexuelle, Zeug*innen Jehovas, Kriegsdienstverweigerer, Deserteure, Spanienkämpfer*innen, widerständige Frauen und Männer jeglicher Couleur und überdies für Menschen mit Zivilcourage.

Kein Gedenken ohne Recherche

Anhand der Opferfürsorgeakten sind Recherchen über Widerstandskämpfer*innen relativ leicht anzustellen. Viel schwieriger sind Recherchen über jüdische Opfer, deren Hinterbliebene im Ausland leben, keine österreichischen Staatsangehörigen sind und daher keinen Anspruch auf Opferfürsorge haben – eine Diskriminierung durch das Opferfürsorgegesetz, das die Gründer*innen der Zweiten Republik ÖVP, SPÖ und KPÖ beschlossen hatten.

Vergeblich ist obendrein die Suche nach den Daten jüdischer Opfer in den Geburts- und Trauungsbüchern der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, da diese seit dem NS-Regime als ‹verlustig› gelten: geraubte Bücher, geraubte Identität der jüdischen Opfer.

Die Identität der Familie Löwy ließ sich immerhin anhand des Melderegisters der Stadt Salzburg und der Deportationslisten der SS klären – eine auf wenige Fakten beschränkte Familiengeschichte, noch immer ohne persönliche Erinnerungen und Fotos der Opfer. Im Jahr 2011 war allerdings ein Enkel der unter dem NS-Regime ermordeten Amalie Löwy, einer Tante des Ernst Löwy aus der Linzer Gasse, zu Besuch in Salzburg, sodass wir über diesen Zweig der Familie Löwy besser Bescheid wissen.

Die Täter*innen werden verschwiegen, sagen Gegner*innen des Projektes Stolpersteine – mitnichten. Wer zum Beispiel die Opfer-Biografie des Abraham Morpurgo liest, erfährt auch, warum Adolf Eichmann im Juni 1933 unbehelligt aus Salzburg verschwinden konnte.

Unser Anliegen ist es, Kontakte zu Nachkommen der Opfer herzustellen, Informationen auszutauschen und biografische Lücken zu schließen. Aus Israel kam etwa eine E-Mail mit einem uns zunächst rätselhaften Wunsch: einen Stolperstein für das Mädchen Leah neben den bereits verlegten Steinen für Paula und Berta Eisenberg. Leah, so stellte sich heraus, war Paulas Tochter und Bertas Enkelin – somit erstreckten sich die Shoah-Opfer hier über drei Generationen. Leah war bei ihrem gewaltsamen Tod anderthalb Jahre alt. Vor dem Haus Lessingstraße 6 liegen nun drei Steine nebeneinander.

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