Die Sache mit dem Schrank oder: Wer bin ich ohne Arbeit?

Ein Schrank steht im Weg – im Stiegenhaus eines Salzburger Wohnhauses; herrenlos, wie vom Himmel gefallen. Ein «Beobachter» begibt sich über den wenig sauberen Innenhof ins Haus, um für eine Langzeitstudie zum Thema «Lebensverhältnisse und Neue Arbeit» Interviews zu führen – er kommt an dem Schrank nicht vorbei. Das Hindernis wird zur Seite geschoben und schließlich schafft es der Beobachter in die Wohnung seiner ersten Studienteilnehmerin, der Erzählerin: Im Gespräch mit ihm versteht sie es, ihre schlecht bezahlten und unsicheren Jobs als Sprungbretter zu beschreiben, bevor dann «die große Geschichte» kommt. Sie steckt im Limbus des Prekariats fest.

Mit dem Text Der Schrank gewann die Salzburger Autorin Birgit Birnbacher den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019. Birnbacher gebe in ihrem Text nicht vorschnell Antworten, wo es keine einfachen Lösungen geben könne, hieß es in der Jury-Diskussion. Große Fragen stehen im Raum: Wer bin ich ohne Arbeit? Was kann ich, muss ich, darf ich? Was mache ich gerade und wozu? Nicht nur ein Schrank, sondern auch ein Paketbote, der sich im Hof der Wohnanlage anscheinend grundlos auf den Boden legt, stört das Gleichgewicht im Haus. «Der konnte nicht mehr», ergänzt die Erzählerin über den Paketboten: Der konnte nicht mehr «einen Schritt gehen, […] über das hinausdenken, was gerade passiert.» Ein Möbelstück, das niemandem gehört, ein namenloser Mann, der sich der Illusion des Wartens auf eine «große Geschichte» verweigert: Birgit Birnbacher denkt über die herrschenden Zustände hinaus.

In seiner Eröffnungsrede zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur, im Rahmen derer der Bachmannpreis vergeben wird, betonte der Autor Clemens J. Setz, dass sich Literatur mit ihren Geschichten nicht von der Wirklichkeit abwenden und in Zeiten der inszenierten Realitäten bei dem bleiben solle, was uns umgibt. Großartige Literatur erzählt Geschichten, die unsere Wirklichkeit einholen und unseren Blick schärfen. Solche Geschichten wirken in ihrer Imaginationskraft entlarvend, ohne zu moralisieren, und entwerfen Szenarien des Ausbruchs und der Zuversicht in einer Realität der Alternativlosigkeit. Kunst und Kultur fungieren als Laboratorien, in denen abseits einer ‹scripted reality› gesellschaftliche Verfasstheiten überprüft werden können. Aus der Rolle fallen – das kann und muss Literatur, das kann Birgit Birnbacher, wenn sie uns einen Schrank ins Stiegenhaus stellt.

Die Salzburger Autorin Birgit Birnbacher gewann den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019; ihr Prosatext Der Schrank zum Nachlesen.

Foto: Miriam Laznia

Birgit Birnbacher studierte Soziologie und Sozialwissenschaften. Ihr erster Roman Wir ohne Wal (Jung und Jung, 2016) wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung ausgezeichnet und für den Rauriser Literaturpreis sowie den Literaturpreis Alpha nominiert. Der nächste Roman wird voraussichtlich im Frühjahr 2020 im Zsolnay Verlag erscheinen.

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