Das Greta Paradoxon

Hitzewelle, Hitzeperiode, Hitzerekord, Höllenhitze, Megahitze. Alles auch digital erfasst: Denn mittlerweile gibt es Apps, die bei jeder Herz-Horror-Hitze alle städtischen Hitze-Hot-Spots anzeigen. Lauter Begriffe, die unseren medialen Alltag durchsetzen und den Diskurs anheizen. Spekulative und spektakuläre Formulierungen bestärken Befürchtungen. Superlative, in grellroten Farben auf Boulevardtitel gedruckt, wecken die Angstlust der Apokalypse. Fotos von den schrecklichsten Hitzefolgen oder die besten Überlebenstipps sorgen wahlweise für noch mehr Endzeitstimmung oder versprechen individuelle Abhilfe. Die politische Dimension bleibt ausgespart. Vor etwa einem Jahr hat sich der Diskurs verändert. Denn da betrat sie die Bühne: Greta Thunberg. Im echten Leben eine Jugendliche mit einem Herzensanliegen und einer extra Portion Hartnäckigkeit. In den Medien ein von allen Seiten begutachtetes Phänomen, eine Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Wünsche, Hoffnungen und Ängste. Schnell avancierte sie zur Gallionsfigur für den Klimadiskurs. Was bis dahin vor allem in Expert*innenkreisen stattfand, erreicht mit ihr den Mainstream. Sie nutzt die Aufmerksamkeit, weil sie ein Anliegen hat: Sie fordert Politiker*innen auf, endlich zu handeln. Gleichzeitig lebt sie vor, was Einzelne tun können. Das Paradoxon: Die Anzahl der Cover, auf dem ihr Foto prangt, verhält sich verkehrt proportional zur Verbreitung der politischen Dimension ihrer Botschaft. Die Berichterstattung der Wohlgesonnenen konzentriert sich auf die Frage, was sie isst und welche Verkehrsmittel sie nutzt. Die andere Seite, der die Stärke dieser jungen Frau ein Dorn im Auge ist, verhöhnt sie als blass und sauertöpfisch. Die, die gebetsmühlenartig vorbringen, selbst nicht an die Klimakrise zu glauben, verspotten sie als Gründerin einer Klima-Kirche. Der Diskurs verschiebt sich in eine Auseinandersetzung rund um Flugscham und Veganismus und gipfelt neuerdings in der Forderung, keine Kinder mehr zu bekommen. Die Verantwortung für Veränderung wird auf das Individuum abgewälzt, was durchaus im Interesse der globalen Fossil-Industrie ist, die die Politik immer noch fest im Griff hat. Der mediale Diskurs rund um Greta Thunberg zeigt, dass die Klimakrise nicht nur Alliterationen hervorbringt: Er verweist auch darauf, dass die Strukturen, in denen Informationen zur Ware werden, wenig geeignet sind, komplexe politische Zusammenhänge adäquat abzubilden.

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