Entmündigung

Medial – Kommunikationskolumne von Barbara Eppensteiner

Es ist ein kurzes Video, das unmissverständlich klar macht, welche politische Kultur Einzug halten wird mit der Regierung, die wir nun bekommen. Obgleich von Politik in ihm kaum die Rede ist. Zu sehen sind vielmehr fast ausschließlich politikferne Alltagssituationen: recht intime, wenn die schöne junge Frau keine Worte findet, um Schluss zu machen. Recht banale, wenn die uralte rhetorische Figur von Männern, die moderner Kunst ratlos gegenüberstehen, ein weiteres Mal bemüht wird. Und eine ebenso absurde wie entlarvende, wenn sich der gesetzte kleinbürgerliche Vater nicht traut, seinen Einwand gegen die Ehe seiner Tochter mit einem Biker zu äußern. Am Schluss wird’s dann irgendwie doch politisch. Denn da geht es um die Erbschaftssteuer oder eigentlich gegen sie.

All diesen Szenen gemeinsam ist ihr jeweiliges Ende. Wo auch immer Rat- oder Sprachlosigkeit herrscht, ja selbst dort, wo Menschen zögernd nach den richtigen Worten suchen, erscheint völlig unvermittelt H.C. Strache und spricht aus, was vermeintlich gesagt werden muss. Niemand wundert sich und keiner verbittet sich die Einmischung. Alle sagen sie demütig «danke».

ICH SAGE ES FÜR EUCH ist die, in Versalien beschriebene und also laute Botschaft dieser Wahlwerbung, die trotz ihrer mehr als drei Millionen Aufrufe öffentlich kaum kommentiert wurde. Dabei ist das neue, vermeintlich freundliche Gesicht des digitalen Populismus vielleicht sogar gefährlicher als das aggressive vergangener Jahre. Statt des blauen Supermanns, der gegen Türkenbanden kämpft, zeigt sich ein gefälliger und hilfsbereiter, vor allem aber überlegener Held, der in allen wichtigen Lebenssituationen zur Stelle ist.

Das passt zu den autoritären Tendenzen des Koalitionspartners und steht gleichzeitig in eindeutiger Opposition zur Idee von Kultur als emanzipatorische Praxis. Denn selbstbestimmte, mündige, sich an gesellschaftlichen Diskursen aktiv beteiligende Menschen sind Sand im Getriebe dieser autoritativen Stellvertreterpolitik. Für eine lebendige Demokratie sind sie allerdings unverzichtbar.

Wunderbar argumentiert das etwa Pierre Rosanvallon in «Das Parlament der Unsichtbaren». Der schmale, in der Edition Import Export erschienene Band sei allen, die sich dem wieder schärfer werdenden Gegenwind entgegenstellen zur ermutigenden Lektüre empfohlen.

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