Kostenfaktor Kind

Oberösterreichische Eltern sollen durch die von der schwarz­blauen Landesregierung geplante Abschaffung des Gratiskindergartens insgesamt € 13 Mio. ausgleichen.

Die Kinder sich selbst überlassen? Foto: Piron Guillaume auf Unsplash

Die Form der Bildungseinrichtung «Kindergarten», wie wir sie heute kennen, ist in Österreich noch relativ jung. Von der reinen Aufbewahrungsanstalt weg hat sich die Qualität rasant verbessert. Reformpädagogik und wissenschaftliche Erkenntnisse über die frühkindliche Entwicklung haben ihren Beitrag geleistet. Durch den ökonomischen Druck auf die Eltern – Stichwort Arbeitsmarkt und Bestehen im globalisierten Leben – steigen heute die Ansprüche an die Kinderbetreuung kontinuierlich. Qualitätsleitbilder einerseits und gesellschaftspolitische Einflüsse andererseits gestalten mit, was in der Kleinkindpädagogik passiert. Kein leichter Job, all das kleinkindgerecht unter einen Hut zu bekommen.

Der 2009 beschlossene kostenlose Zugang zum Kindergarten soll nun nach den Plänen der schwarzblauen Landesregierung zumindest teilweise fallen. Künftig sollen Eltern, deren Kinder auch nachmittags Betreuung in Anspruch nehmen, dafür bezahlen. Die Kosten hierfür sollen sozial gestaffelt werden.

 

Haberlander’scher Widerspruch

Verbesserung der Kinderbetreuung? Foto: Michael Martinelli auf Unsplash

Dass Kinderbetreuung ein wichtiger wirtschaftlicher sowie gesellschaftspolitischer Faktor ist, wäre eigentlich auch in der ÖVP angekommen. Auf der Website der Bildungs- und Frauenlandesrätin Christine Haberlander (ÖVP) ist nach wie vor zur «Frauenstrategie» nachzulesen: «Mehr Flexibilität in der Kinderbetreuung und bei den Arbeitszeitmodellen ist folglich die wichtige Forderung der Frauen, um Familie und Beruf zu vereinbaren.» Auch die Wirtschaftskammer fordert eine qualitative und quantitative Verbesserung der Kinderbetreuung. Die geplante Verteuerung der Kinderbetreuung für die Familien und deren Folgeabschätzung stehen im Widerspruch zu den genannten Forderungen.

Als erste Bildungseinrichtung für unsere Kleinsten hat der Kindergarten eine ganz besondere Bedeutung. Dass der Besuch in Oberösterreich kostenlos sein wird, ist für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein absoluter Meilenstein und trägt gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wesentlich zur finanziellen Entlastung der oberösterreichischen Familien bei.

Der damalige Landeshauptmann Josef Pühringer anlässlich der Einführung des „Gratis­-Kindergartens“ 2009 (voecklabruck.oevp.at)

 

Investieren statt Sparen

Investieren statt Sparen! Foto: Laura Aziz auf Unsplash

Die Basis für jedes Lernen sind aus Kindersicht: gute Beziehungen. Dazu bedarf es Zeit. Wer sich ausrechnet, wie viele Minuten persönliche Ansprache bei einem Betreuungsverhältnis von 2:10 einer oberösterreichischen Krabbelstube oder 2:23 einer oberösterreichischen Kindergartengruppe pro Kind herauskommt, dem/der läuten hier die Alarmglocken. Beim Vergleich von österreichischen Kinderbetreuungseinrichtungen mit den viel rezipierten nördlichen europäischen Ländern hat Österreich mittlerweile eine Außenseiterrolle eingenommen: Geld wird dringend benötigt für kleinere Gruppen, die intensivere Betreuung von Kindern mit Sonderunterstützungsbedarf, universitäre Ausbildung des Personals und angemessene Entlohnung.

Elternschaft 4.0

Auch die Idee von Elternschaft hat sich gewandelt. Family-Beratungs-Foren für die glückliche Kleinfamilie boomen. Eltern haben durch den Wandel der Lebensentwürfe weg von der Großfamilie weniger Rat und Tat zur Hand. Alleinerziehende und Patchworkeltern haben zusätzlich zu den Klassikern der Elternfragen andere Herausforderungen zu meistern. Seminare für Eltern begleiten durch turbulente Zeiten, Eltern-Kind-Zentren oder Elternberatungsstellen sind essentielle Anlaufstellen und damit präventive Angebote, die in Oberösterreich durch die Kinder- und Jugendhilfe gefördert werden. Auch hier wird der Sparstift angesetzt.

 

Kinderbetreuung im Wandel

Die Zukunft der Kinder? Foto: Joseph Rosales auf Unsplash

Was passiert in Zukunft mit jenen Kindern nachmittags, deren Eltern sich das Betreuungsgeld nicht von der Familienbeihilfe absparen können – von der dann nichts mehr übrig bliebe für Winterschuhe, Eislaufplatz oder Theatereintritt? Sollen sich die Kinder selbstorganisiert betreuen? Ist es die schwarz-blaue Idee, die Bildungseinrichtung Kindergarten und Krabbelstube durch Bildungsfernsehen zu ersetzen? Wer bietet dann nachmittags, was die Elementarpädagogik leistet? ÖVP und FPÖ rechtfertigen die Kürzungen vordergründig damit, dass sie der kommenden Generation keinen Schuldenberg überlassen wollen. Die schwarzblaue Landesregierung spart lieber bei den wichtigen Bildungsaufgaben des Kindergartens ein, beispielsweise der Förderung des Spracherwerbs. Wie enkelfit diese Maßnahmen sind, wird sich zeigen. Für das Aufholen von Bildungsdefiziten wird es dann aber zu spät sein. Bei der Bildung der Kinder zu sparen, heißt Innovationspotenziale zu mißachten und eine «Hypothek auf die Zukunft der Kinder aufzunehmen», so Roland Schwandner von den Kinderfreunden.

 

Widerstand ist notwendig

Widerstand ist notwendig! Foto: Siarhei Plashchynski auf Unsplash

Was also tun? Die Antwort auf die verheerenden Sparmaßnahmen muss nun von jenen kommen, die betroffen sind: uns allen! Und das kann nicht bis zur nächsten Wahl warten. Demokratie bedeutet mehr, als alle paar Jahre das Kreuzerl an der «richtigen» Stelle zu machen. Demokratie bedeutet auch: Versammlungsfreiheit, Recht auf freie Meinungsäußerung, Protest und Widerstand!

 

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