Sie sind jetzt der Host

Die eigene berufliche Tätigkeit immer wieder neu zu befragen und Altbewährtes auf seine Praktikabilität und Angemessenheit abzuklopfen, kann ein aufreibender Prozess sein – so aufreibend, dass man es vermeidet.

Allerdings sind Unwägbarkeiten integraler Bestandteil der Kulturvermittlung. Denn kulturvermittlerische Praxis eröffnet einen nicht immer absehbaren kommunikativen Prozess – Menschen treten dabei in Austausch über die Künste (oder auch wissenschaftliche und gesellschaftliche Phänomene und Erkenntnisse, wie es die Kulturvermittlerin und -wissenschafterin Carmen Mörsch definierte). In diesem Prozess ist alles zur Disposition gestellt: Raum, Zeit, Sprache, Rollen, Wissen, Wahrnehmung, Erfahrung, Identität, Kunst – und nicht zuletzt die Kulturvermittlung selbst. Anliegen der Kulturvermittlung ist es dabei, einen solchen Prozess unter immer wieder neu abgesteckten Bedingungen anzustoßen und zu begleiten: etwa in einem Konzert, bei dem das Publikum im Konzertsaal Musiker*innen zuhört und -sieht; oder in einem Workshop für kreatives Schreiben, wenn Arbeitsaufgaben in einem ruhigen Nebenraum einer Bibliothek erledigt werden; oder vielleicht auch in einem methodisch begleiteten Malkurs in einem Atelier für Vorschüler*innen.

Dabei ist ‚Teilhabe‘ das magische, weit gefasste Ziel der Kulturvermittlung. ‚Teilhabe‘ der Menschen verstärkt die Tragweite und nachhaltige Wirkung des Austausches über Kunst. Die zwar vielgestaltige, doch bedeutende Rolle der Kulturvermittler*innen scheint bei allen variierenden Faktoren festzustehen: Sie nehmen die Rolle von hosts ein, sind Gastgeber*innen und Initiator*innen. Als hosts laden sie ihre Gäste zu Erlebnis, Gespräch und (Inter-)Aktion ein, verfeinern dabei ihre Kompetenz und Sensibilität, versuchen, Gespräche nicht einfach zu leiten, sondern das Wort dem Gegenüber zu überlassen. Diese Einladung auf Augenhöhe zur persönlichen Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur gibt im Idealfall allen Akteur*innen Raum, sich auszudrücken, das Wort zu ergreifen, selber dran zu sein und alle anderen teilhaben zu lassen an der eigenen Erfahrungswelt: Sie sind dann der host. – Kulturvermittlung ist in diesem Sinne eine Kunst für sich, quasi the art of hosting.

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