Von wegen Privatsphäre-Paradoxon

Wir sorgen uns um Privatsphäre, teilen aber trotzdem viele persönliche Daten online – ein Widerspruch, der in der Forschung als ‚Privatsphäre-Paradoxon‘ bekannt ist. Denn paradox bedeutet, gegen die eigenen Einstellungen zu handeln. Tatsächlich gibt es für das Privatsphäre-Paradoxon aber wenige Belege.

Eindrücklich zeigt das eine vor kurzem erschienene Arbeit, die Tobias Dienlin vom Institut für Publizistik der Universität Wien gemeinsam mit zwei weiteren Forschenden im Fachjournal New Media and Society veröffentlicht hat. Zwischen 2014 und 2017 wurden insgesamt 1.403 Menschen in Deutschland dazu befragt, wie oft sie welche persönlichen Informationen online teilen, ob sie sich sorgen, dass Firmen oder Geheimdienste ihre Daten sammeln, und ob sie es für vernünftig halten, Informationen online zu teilen. 

Die Ergebnisse zeigen: Wer sich mehr um Datenschutz sorgt, teilt etwas weniger persönliche Informationen als jene, die sich weniger Sorgen machen. Und wer das Teilen von Daten für unvernünftig hält, teilt deutlich weniger als andere. 

Was selbstverständlich klingt, – warum sollten wir nicht nach unseren Überzeugungen handeln? – ist es nicht. Ein Beispiel: Fast jede*r ist der Meinung, dass es gesund und wichtig ist, regelmäßig Sport zu treiben. Viele tun es trotzdem nicht, weil andere Faktoren das Vorhaben behindern – Gewohnheit, Bequemlichkeit oder die äußeren Umstände.

Die Studie zeigte übrigens andere Ergebnisse, als das Verhalten über einen längeren Zeitraum betrachtet wurde: Ein halbes Jahr später handelten Teilnehmende ohne Zusammenhang zu den Einstellungen, die sie zuvor angegeben hatten. Das spricht für das Paradoxon – oder bedeutet schlicht, dass in einer Folgestudie Einstellungen und Handlungen zeitgleich abgefragt werden müssen. 

Dazu kommt, dass die Daten vor dem Cambridge Analytica-Skandal und dem Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung im Jahr 2018 erhoben wurden. Beide Ereignisse rückten das Thema Datenschutz ins Zentrum vieler Debatten. Zudem lag das Durchschnittsalter der Befragten bei 53 Jahren; eine Studie unter jüngeren Internetuser*innen käme möglicherweise zu einem anderen Ergebnis.

Es spricht also einiges dafür, dass unser Verhalten, was die eigene Privatsphäre betrifft, nicht paradox, sondern durchaus vernünftig ist. Da könnten wir uns beim Sport ein Beispiel daran nehmen.

Der Text ist zuvor im Newsletter FALTER.maily erschienen.

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