Gespensterjäger

Über die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ wurde viel geschrieben. Auch wir haben die „dunkle Seite der Zivilgesellschaft“ in der KUPFzeitung 156 behandelt und mit „Pegida“ eine hervorragende Publikation besprochen. Aber wer sind die vielen Menschen, die auf die Straße gehen und sich diesem Gespenst entgegenstellen?

Die Antwort darauf kommt wieder vom Göttinger Institut für Demokratieforschung, das nun in einer weiteren Studie ein detailliertes Bild der Gegenproteste vorgelegt hat. „NoPegida. Die helle Seite der Zivilgesellschaft?“ untersucht exemplarisch an Dresden, Leipzig, Frankfurt und Karlsruhe die Zusammensetzung der Bündnisse sowie die Motivation und politischen Werte der TeilnehmerInnen.

Besonders spannend sind die historischen Exkurse zu den jeweiligen Städten, deren unterschiedliche Protest- und Demokratieerfahrungen auch das Bild der jeweiligen NoPegida-Aktivitäten prägen und zu teils völlig unterschiedlichen Bündnissituationen führen – von der breiten und fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen linken und bürgerlichen Kräften, wie es etwa lange in Leipzig zu beobachten war, bis zu der tiefen Spaltung, die besonders die Proteste in Dresden prägt.

Trotz der Heterogenität identifizieren die AutorInnen grob drei Typen von AktivistInnen: Zum einen sind da die pflichtbewussten BürgerInnen, die ihr Engagement als Selbstverständlichkeit und demokratische Pflicht empfinden. Dann gibt es jene, deren Leitmotiv die Hilfsbereitschaft ist und die vielfach auch in der Flüchtlingshilfe aktiv sind. Die dritte Gruppe sieht sich als KämpferInnen mit einem starken antifaschistischen Selbstverständnis und einer fundamentalen Gesellschaftskritik als ideologischen Background.

Gemeinsam ist allen, dass sie sich als aktiven Teil der Zivilgemeinschaft verstehen und es als solche für selbstverständlich erachten, sich für demokratische Grundwerte zu engagieren, für die eigene Überzeugung auf die Straße zu gehen und etwas gegen Pegida zu unternehmen. Im Gegensatz zu Pegida sind sie wesentlich routinierter darin und haben oft schon an den großen Mobilisierungen der vergangenen Jahrzehnte, von den 1968er-Protesten, über die Anti-AKW- und die Friedensbewegung bis zu den antifaschistischen Demonstrationen der 1990er Jahre und danach teilgenommen oder sind zumindest von diesem Erbe geprägt. NoPegida ist auf jeden Fall lesenswert, die teils überraschenden Ergebnisse, mit denen die Untersuchung von dem damals gänzlich neuen Phänomen „Pegida“ aufwarten konnte, bleiben diesmal aber aus. Macht aber nichts. 

Stine Marg, Katharina Trittel, Christopher Schmitz, Julia Kopp, Franz Walter: NoPegida. Die helle Seite der Zivilgesellschaft?, erschienen Anfang April im Transcript-Verlag in der Reihe „X-Texte“, 978-3-8376-3506-5.

Christian Diabl ist KUPF-Vorstand und Typ 3-NoPegida-Demonstrant.

Jetzt teilen