Öffentliche Selbstdarstellung oder sozialer Aktivismus?

Die freischaffende Künstlerin Josseline Engeler über unterschiedliche Möglichkeiten der “Public Intervention”, über soziale Aspekte beim Kunstschaffen in der Öffentlichkeit und über ihre Erfahrungen in Porto, NYC und Linz.

Vor zehn Jahren realisierte ich meine erste eigene Arbeit im öffentlichen Raum. Ich studierte an der Kunstuniversität in Porto. Mir war aufgefallen, dass viele der traditionellen keramischen Fliesen an den Fassaden fehlten. Die Lücke von fünfzehn Fliesen an einem Wohnhaus füllte ich mit schwarzweiß glasierten Portraits der Personen, die dort innerhalb eines Jahres gewohnt hatten. In den darauffolgenden Jahren reiste ich immer wieder nach Porto, um an den Fliesenprojekten weiterzuarbeiten. Während meines Kunststudiums in Linz (2010-12) probierte ich Vielerlei im öffentlichen Raum in Österreich aus. Der städtische Außenraum wirtschaftlich schwächerer Länder ist aber vergleichsweise weniger reglementiert. Zu meinen langlebigeren Installationen kamen nach meinem Studium auch immer mehr temporäre Interventionen.

Zum Beispiel „Abandonados“ (Foto), eine Arbeit, die ich gemeinsam mit dem brasilianischen Künstler Renato Atuati im Jahr 2014 in Porto realisiert habe. Wir projizierten in die mit Metall verschlossenen Fenster eines leerstehenden Wohnhauses ein Video. In diesem Video sah man uns beide miteinander reden, essen, rauchen und Wein trinken. Es wirkte, als würde im Haus wieder jemand wohnen. Die Menschen, die an diesem Haus entlang kamen oder im Viertel beheimatet waren, liefen auf der Straße zusammen und schauten hoch in die Fenster. Einige erlebten – wie sie uns später erzählten – in diesem Moment ein „kleines Wunder“.

Kunst im öffentlichen Raum als Methode, soziale Missstände aufzuzeigen und zu verändern
Soziale Aspekte standen immer im Fokus meiner Arbeiten. 2015 durfte ich dann am „Summer Residency Program“ der „School of Visual Arts“ in New York City zum Thema „Public Art as Social Intervention“ teilnehmen. Im Rahmen des Programms lernte ich KünstlerInnen kennen, die sich weniger mit der Frage beschäftigen, wie sie den öffentlichen Raum durch eigene Kunstwerke gestalten können, als dass sie die Umstrukturierung eines spezifischen Raumes seinen BewohnerInnen selber in greifbare Nähe rücken wollen.

Theaster Gates ist einer der berühmtesten Vertreter dieser als „Socially Engaged Art“ (SEA) bekannten und kontrovers diskutierten Kunstform. Im Rahmen seiner Hausprojekte in Chicago kauft er schon seit Jahren leerstehende Häuser in sozial schwachen Vierteln auf und restauriert sie gemeinsam mit den Menschen der Gemeinde auf experimentelle Art. So wird mit jedem Haus ein Ort des Austausches erschaffen. Er beschreibt diese Orte als „places where moments of beauty can happen“. Objekte, die sich in diesen Häusern anfinden, werden in Galerien auf der ganzen Welt verkauft. Den Erlös steckt Theaster Gates in den Ankauf weiterer Häuser. „SEA“ definiert den öffentlichen vor allem als sozialen Raum, der durch die Kunst verändert werden kann.

KünstlerInnen können gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen, indem sie vermitteln, was ihren Beruf ausmacht: kreative Lösungen und Eigeninitiative
„SEA“ erweiterte letztlich meinen Begriff von „Kunst im öffentlichen Raum“. Das Unbehagen darüber, dass bleibende visuelle Eingriffe in den öffentlichen Raum diesen nicht nur kommentieren, sondern dauerhaft verändern, war schon in den Jahren davor gewachsen. „Socially Engaged Art“ geht anders vor. Nicht ein/e einzelne/r KünstlerIn gestaltet den sozialen Raum um, sondern die BewohnerInnen des Raumes werden mittels Kunst und Kreativität aktive GestalterInnen ihrer Umgebung. Nach meiner Rückkehr aus New York habe ich einen Pool aus verschiedensten KünstlerInnen zusammengestellt. Wir realisieren Kreativ-Workshops für die BewohnerInnen des Flüchtlingsheims der NGO „SOS Menschenrechte“ in Linz.

Foto (Abandonados, Porto 2014): Steffi Schöne

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