Kunstfehler: Semantische Flexibilität

Nix ist fix! Auch nicht in der Sprache, die kein monolithischer, unveränderlicher Block ist, sondern vielmehr eine Art dynamisches System. Die Suche nach Bedeutung und Sinn bedarf der Fähigkeit zur kritischen Lektüre und mündet letztlich unweigerlich in einen von unterschiedlichen Interessen geleiteten Kampf um Deutungshoheit. In der Nazizeit ebneten toxische Sprachvereinnahmungen1 und Sprachschöpfungen den Weg für Krieg und Massenmord, der Neoliberalismus ist aber auch kein Ponyhof. In dessen Dienst operieren mediale Hilfstruppen, die mit PR-Kampagnen und Spindoktor-Strategien mehr oder weniger subtile Propaganda für grenzenlose Ausbeutung und Geschäftemacherei betreiben. Hauptziele sind Wertesetzung und Lenkung des öffentlichen Diskurses zum Wohl des weltweit vorherrschenden Wirtschaftsmodells, es gilt einen neoliberalen Sprachcode zu etablieren und durchzusetzen, in dem der Euphemismus Konjunktur hat. Letzterer bezweckt und garantiert, dass mittels Umcodierung gängiger Begriffe Unappetitliches kaschiert und schön geredet wird. Die neuen Bedeutungszuschreibungen eignen sich vorzüglich zur Tarnung und Behübschung der schönen neuen Ausbeuterwelt. Beispiele gefällig: Begriffe wie ‚Reform(prozess)‘, ‚schlank(er Staat)‘, ‚Effizienz‘, ‚Wettbewerbsfähigkeit‘, ‚fit für die Zukunft‘, ‚freisetzen‘, ‚Rationalisierung‘ oder ‚Flexibilität‘ stehen in Wahrheit für ‚Kündigung‘, ‚Ausgrenzung‘, ‚sozialen Absturz‘, ‚Erosion sozialer Sicherungssysteme‘ und ‚Prekariat‘, insgesamt also für die Implementierung von unsolidarischem und inhumanem Verhalten. Neoliberalkapitalistische Logik beruft sich gern auf das postdarwinistische Ausleseprinzip ‚Survival Of The Fittest‘ und fordert dessen Übertragung auf das menschliche Zusammenleben – speziell auf die Wirtschaft. Gerade Flexibilität gehört heute stets zum Anforderungsprofil von Individuen wie Organisationen und Betrieben, die Herolde und Ratgeber des Neoliberalismus singen ihr Loblied und fordern sie permanent ein, denn Stabilität gilt ihnen als Erstarrung. Die inflationäre Verwendung naturwissenschaftlicher und kriegerischer Metaphern charakterisiert auch die aktuelle ‚Corona-Sprache‘. Apropos Seuche und Euphemismus: Corona entzaubert die in den verborgenen Konnotationen mitgedachten ideologischen Kampfbegriffe keineswegs. Wer kommt schon auf die Idee, dass eine mögliche Überbelastung der Spitäler etwas mit neoliberaler Sparpolitik zu tun hat?

1 Zwei Beispiele: „Neuordnung Europas“ und „Lebensraum“. Letzterer, an dem es im Deutschen Reich angeblich gemangelt hatte, führte unweigerlich zu dem Überfall auf die Sowjetunion samt der Vertreibung, Versklavung und Ermordung von Millionen als „Untermenschen“ abqualifizierter Slawen. Ersteres, die „Neuordnung Europas“ (auch: „europäische Neuordnung“) war ein verschleiernder Begriff für das NS-Kriegsziel, die Grenzen zu „revidieren“, um nationalsozialistische Wirtschaftsinteressen und die Vor- und Oberherrschaft des Deutschen Reiches über ganz Europa durchzusetzen. Anders ausgedrückt: der direkte Weg zum Angriffs und Vernichtungskrieg – sowie dessen Rechtfertigung.


Zum Gendern:
Es ist ein Trugschluss, dass durch Vermengung des natürlichen Geschlechts (Sexus) mit dem grammatikalischen Geschlecht (Genus) Gleichberechtigung hergestellt werden kann. Vielmehr handelt es sich um eine Nebelkerze, ein Ablenkungsmanöver in der neoliberalen Unrechtsgesellschaft, die alle denkbaren Geschlechter unter ihrer Fuchtel hält. Dazu gibt es weitere semantische und ästhetische Gründe, die meine Skepsis, nein: meine Ablehnung erklären.

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