Kulturist*innen – oder wie wir einen neuen Begriff finden

Eva Blimlinger widmet sich einer Bezeichnung, die die KUPFredaktion schon lange plagt.

Jetzt, während der Pandemie, sind sie in aller Munde, die ‚Kulturschaffenden‘, die ‚Kunstschaffenden‘, die seit mehr als einem Jahr mit kurzer sommerlicher Unterbrechung kaum Möglichkeit haben, in der ursprünglichen Form zu arbeiten.

‚Kulturschaffende‘? ‚Kunstschaffende‘? Nein, ich verwende beide Begriffe nicht und zwar aus gutem Grund: ‚Kunstschaffende‘ sind Künstlerinnen und Künstler oder Künstler*innen, ganz einfach, da brauchen wir wirklich kein ‚schaffende‘ – Kunst, Künste, Künstler*in, ganz einfach. Ist schon im Althochdeutschen verbürgt die Kunst, dort als „chunst“, Mittelhochdeutsch dann „kunst“. Den Künstler gibt es erst etwas später, wie bei den Gebrüdern Grimm nachzulesen ist: „es erscheint erst im 16. jh., aber schon so allgemein, dasz es älter sein musz, obwol ich im 15. jh. nur künstener, künstner oder künster aufweisen kann“. Und ja, auch die Künstlerin gibt es sogar und da steht dann lapidar: „f. artifex femina […] z. b. eine schauspielerin, sängerin“. Der oder die ‚Kunstschaffende‘ ist selbstverständlich nicht zu finden und für mich gibt es den Begriff auch nicht.

Bei ‚Kulturschaffende‘ ist es schon etwas schwieriger. Die Kultur findet sich noch gar nicht im Etymologischen Wörterbuch der Grimms. Da gibt es nur den „Kulter“, das ist eine Art Steppdecke, also nein nein, das kann es nicht sein. Kultur ist einfach die Eindeutschung des lateinischen Worts „cultura („Bebauung, Bearbeitung, Bestellung, Pflege“), das eine Ableitung von lateinisch colere („bebauen, pflegen, urbar machen, ausbilden“) darstellt“, wie bei Friedrich Kluge und Alfred Götze in ihrem Etymologischen Wörterbuch aus dem Jahr 1967 nachzulesen und seit Ende des 17. Jahrhunderts belegt ist. Erst nach und nach wurde die Wortbedeutung des Bebauens – Stichwort Kulturland – zurückgedrängt und heute, ja was wird da eigentlich unter Kultur verstanden? Das muss ich hier beiseite lassen, geht es doch um den oder die ‚Kulturschaffende‘.

Der Begriff wird zunächst in den 1920er Jahren in der neuen Disziplin der Kulturwissenschaft verwendet, aber nicht etwa von Max Weber oder anderen, sondern als Kampfbegriff innerhalb der sogenannten ‚Konservativen Revolution‘, zu der etwa die Autoren Ernst Jünger, Ernst von Salomon oder der Staatsrechtler Carl Schmitt zählten. Von dort ging er nahtlos in den Sprachgebrauch der Nationalsozialist*innen über. Sie waren es, die sich diesen Begriff im Zusammenhang mit der Gründung der Reichskulturkammer im Jahr 1933 zu eigen machten und verankerten. Im Reichskulturkammergesetz (RGBl. I, S. 661, 22. September 1933) wurde die Gründung der Institution normiert, um eine Gleichschaltung aller Bereiche des Kulturlebens gesetzlich festzulegen und vor allem, um die Kunst und Kultur zu arisieren. Der Begriff ‚Kulturschaffende‘ kommt im Gesetz nicht vor. Aber ein Jahr später gab es am 18. August 1934 anlässlich der Volksabstimmung über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs (Ziel war die Vereinigung des Amtes des Reichspräsidenten mit dem des Kanzlers, Anm. d. Verf.) den Aufruf der Kulturschaffenden. Dieser wurde von Joseph Goebbels, zu dem Zeitpunkt u. a. Präsident der Reichskulturkammer, formuliert und im Völkischen Beobachter, Parteizeitung der NSDAP, veröffentlicht. Darin heißt es: „Weil der Dichter und Künstler nur in gleicher Treue zum Volk zu schaffen vermag, und weil er von der gleichen und tiefsten Überzeugung kündet, dass das heiligste Recht der Völker in der eigenen Schicksalsbestimmung besteht, gehören wir zu des Führers Gefolgschaft.“ Und die ‚Kulturschaffenden‘ unterzeichneten brav und stellten sich in den Dienst der Nationalsozialist*innen, unter ihnen etwa Wilhelm Furtwängler, Werner Krauß, Ludwig Mies van der Rohe, Emil Nolde, Richard Strauss, einige von ihnen landeten dann 1944 auf der so genannten Gottbegnadeten Liste – übrigens keine Frau unterzeichnete diesen Aufruf, nein, Leni Riefenstahl war nicht dabei.

Und weil es so gut zu totalitären Regimen passt, wurde der Begriff dann in der Sowjetischen Besatzungszone und dann in der DDR gleich weiterverwendet. Im Leipziger Duden wurde 1951 dem Stichwort ‚Kulturschaffende‘ noch die Fußnote „sprachlich richtiger: der kulturell Schaffende“ hinzugefügt, die später gestrichen wurde. Und nach 1990 rechnete die Gesellschaft für deutsche Sprache die Bezeichnung ‚Kulturschaffender‘ zu den überlebensfähigen DDR-spezifischen Wörtern, wie Wikipedia zu entnehmen ist.

Wie wäre es mit einem Wettbewerb für einen neuen Begriff? Ein Begriff, der nicht dermaßen historisch beladen ist? Ausgerichtet von der KUPF OÖ? Mein Preis dafür, 1.500 EUR für das Siegerwort. Ich mach’ schon mal einen Vorschlag: Kulturisten, Kulturistinnen und Kulturist*innen, werde aber nicht am Wettbewerb teilnehmen.

Eva Blimlinger war von 2011 bis September 2019 Rektorin der Akademie der bildenden Künste Wien sowie von Jänner 2018 bis Juni 2019 Präsidentin der uniko – Österreichische Universitäten Konferenz. Seit Oktober 2019 ist die Historikerin für die Grünen Abgeordnete zum Nationalrat und Vorsitzende des Kulturausschusses.

Titelbild: Comic von Stephan Gasser.


Zum Gendern:
Ich wähle Asterisk, weil es alle Geschlechter repräsentiert und sich nicht etwa durch die Nutzung eines Binnen-I auf zwei Geschlechter beschränkt. Im Sprechen ist es leider schwierig die Repräsentanz von mehreren Geschlechtern auszudrücken – aber zumindest eine Pause vor dem *innen sollte gemacht werden.

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