From a Distance: Vereine und Kommunikation in der Krise

COVID-19 hat die freie Kulturszene durcheinandergewirbelt. Nicht nur Veranstaltungen sind betroffen: Sitzungen, Klausuren, Besprechungen – all das war zuletzt nicht möglich. Welche Erfahrungen machen Kulturinitiativen mit den veränderten Kommunikationsbedingungen? Ist alles mühsamer oder manches sogar besser geworden? Florian Walter hat bei Mitgliedern der KUPF OÖ nachgefragt.

Ein Dienstagabend, irgendwann im Jahr 2020. Ich sitze vor dem Laptop, Zoom läuft, Zeit für die Vorstandssitzung des Kulturvereins. Die Tagesordnung wird stakkatoartig abgearbeitet, Stimmung will nicht so richtig aufkommen. Am Ende der Sitzung eine kurze Verabschiedung, „Meeting beenden“ klicken, aus. Ich versuche mich zu erinnern: War das früher nicht einmal anders? Haben wir nach Sitzungen nicht noch geplaudert, Ideen weitergesponnen, uns unsere alltäglichen Problemchen erzählt oder einfach nur blöd Schmäh geführt? Wo ist das alles hingekommen?

We‘re all zoomed!

Meine Nachfrage bei diversen KUPF OÖ-Mitgliedsinitiativen bestätigt zunächst meine Annahmen. Vor Corona waren persönliche Treffen die zentrale und bevorzugte Form des inhaltlichen und strategischen Austausches. Mit der Pandemie sind die Kulturinitiativen jedoch neu gefordert. Während die Aktivist_innen von KuKuRoots in Gramastetten sich so lange wie möglich Outdoor getroffen haben, um nicht ins Web ausweichen zu müssen, sind andere mit vormals analogen Formaten in den digitalen Raum gewandert. Vor allem Videokonferenzen haben persönliche Treffen in den meisten Vereinen ersetzt.

Einzelne, wie das Offene Kulturhaus (OKH) in Vöcklabruck, haben die geänderten Voraussetzungen genutzt, um mit digitalen Tools zu experimentieren. Sie haben Online-Whiteboards, virtuelle 3D-Begegnungsräume und digitale Sprechstunden getestet. Jolanda de Wit, Co-Sprecherin und Community-Managerin im OKH, sieht darin eine Möglichkeit, auch in Coronazeiten mit Besucher_innen in Kontakt bleiben zu können: „Ich habe meinen Freitags-Bürotag ins Netz verlegt, sodass Leute trotzdem online vorbeischauen können.“ Seither bekommt sie regelmäßig virtuellen Besuch im Büro.

Inklusiv, effektiv, ökologisch

Eine zentrale Herausforderung angesichts geänderter Rahmenbedingungen ist, bestehende Barrieren in der Kommunikation nicht zu verstärken. Die coronabedingte Umstellung hat diesbezüglich keinen Nachteil gebracht. Im Gegenteil wird die Digitalisierung als inklusiv wahrgenommen. In Kulturinitiativen engagierte Personen scheinen sicher im Umgang mit Computern, Apps und Internet. Auch weniger Technologieaffine haben schnell den Weg ins Netz gefunden. Dagegen sind Anfahrtswege bei Videositzungen kein Hindernis mehr, was gerade im ländlichen Raum oder bei Initiativen, die wie das Jugendmedienfestival YOUKI geografisch verstreut zwischen Oberösterreich und Wien agieren, eine Rolle spielt. Auch Jungeltern fällt es leichter, sich abends vor den Computer als ins Auto zu setzen.

Neben der Inklusivität wird auch die Effizienz digitaler Kanäle positiv hervorgehoben. „Die Kommunikation in Videokonferenzen ist konzentrierter, besser vorbereitet. Die Dauer ist zwar begrenzt, aber das macht das Ganze auch produktiver“, hebt Anna Rieder, Festivalleiterin der YOUKI, hervor. Für Jolanda de Wit ist digitale Kommunikation auch ökologischer, weil eben nicht mit dem Auto angereist werden muss, und man sich durch das Teilen von Bildschirminhalten Ausdrucke spart.

Video killed the Rauschidee

Trotz der positiven Erfahrungen wird im Austausch mit den Vereinen eines sehr deutlich: Den Treffen im digitalen Raum fehlt der informelle Austausch. Laura Rumpl, Künstlerin und Aktivistin im Kulturverein DH5 in Linz, bringt es auf den Punkt: „Über Skype oder Zoom beredet man nur mehr das Nötigste. Gerade das DH5 lebt aber von informellen Gesprächen.“ Ähnlich sieht das auch Martin Stöbich, der Obmann von KuKuRoots: „Informelle Gespräche spielen eine große Rolle. Sie sind Inspiration, liefern Feedback und Ideen und erweitern das Netzwerk.“

Gespräche am Gang, in der Küche oder auf der Terrasse, Plaudereien bei einer Zigarette, oft im Anschluss an Sitzungen oder im Umfeld von Veranstaltungen. Das ist es wohl, was fehlt, und was Kulturarbeiter_innen als „Sehnsucht nach dem analogen Leben“ umschreiben. Beim berühmten Bier danach entstehen nicht nur die besten „Rauschideen“, es ist auch Platz für persönliche Gespräche. Gerade Häuser wie das DH5 oder das OKH leben von der Anwesenheit von Kolleg_innen und Gäst_innen. Und natürlich bieten Festivals und Veranstaltungen, Filmvorführungen, Lesungen, Konzerte und Ausstellungen nur in Anwesenheit das volle Kulturerlebnis – auch und vor allem wegen der nebenbei entstehenden Gespräche.

Ab in die digitale Zukunft?

Wie soll die Kommunikation in Vereinen nach Corona aussehen? Darüber besteht unter meinen Gesprächspartner_innen keine Einigkeit. Während Martin Stöbich Online-Formate für keine Option hält und gerade bei Veranstaltungen physische Nähe und Begegnungen als unersetzlich erachtet, denken andere digital weiter. Veranstaltungen sollen etwa nach der Meinung von Laura Rumpl auch nach der Pandemie weiter gestreamt werden, zumindest zusätzlich zum Live-Angebot vor Ort. Ebenfalls eine Hybridform kann sich Jolanda de Wit vorstellen, sie denkt dabei auch an die Möglichkeit, bei Sitzungen zusätzlich online teilzunehmen.

Dass es überhaupt eine „Zeit nach Corona“ geben wird, zieht Anna Rieder in Zweifel. Ein Ende der Einschränkungen sei nicht in Sicht, es gelte also, sich mit den veränderten Kommunikationsformen zu arrangieren. Bei der YOUKI werden – sicher auch aufgrund der geografischen Diversität des Teams – Besprechungen deshalb weiterhin virtuell stattfinden. Darüber hinaus soll es geplante Treffen im Netz geben, in denen bewusst Platz für den persönlichen Austausch geschaffen wird. Weil es das informelle Plaudern eben auch braucht. „Wir können auf jeden Fall nicht einfach wieder ins Jahr 2019 zurückkehren”, sagt Anna. Und wenn sie das sagt, klingt es nicht pessimistisch, sondern hoffnungsvoll.

Florian Walter, Politologe und Kulturarbeiter, u. a. bei der KUPF OÖ-Mitgliedsinitiative waschaecht (Wels) und im KUPF OÖ-Vorstand.


Zum Gendern:
Geschlecht bestimmt in allen gegenwärtigen Gesellschaften wesentlich über Entfaltungsmöglichkeiten, Aufstiegschancen oder schlicht das Überleben von Menschen. Um die Vielfalt von Identitäten jenseits einer cis-hetero-männlich gelesenen Geschlechtszugehörigkeit schriftsprachlich sichtbar und trotzdem möglichst barrierefrei zu machen, verwende ich beim Gendern meist die Variante mit dem Unter_strich.

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