Notwendige Negation

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt! So lautet der Leitspruch aller Rebell*innen – und ein Song der zu Unrecht heute vergessenen deutschen 1970er-Anarchorockcombo Schroeder Roadshow. Auf der Suche nach dem richtigen Leben im falschen (frei nach Theodor W. Adorno), empfiehlt es sich, nicht zu allem Ja und Amen zu sagen. Die Negation als Ein- und Widerspruch ist ein erster Schritt, an den gesellschaftlichen Ist-Zuständen zu rütteln. Zur Post-1968er-Dissidenz gehört etwa die lachende Sonne mit dem Logo der Anti-AKW-Bewegung, deren Slogan «Atomkraft? Nein danke!» in den späten 1970ern durchaus realpolitische Folgen hatte, als hierzulande per Volksabstimmung eine knappe Mehrheit «Nein» zum geplanten Kernkraftwerk in Zwentendorf sagte. Ein Kollege Adornos am Frankfurter Institut für Sozialforschung, Herbert Marcuse, gab mit seiner 1964 veröffentlichten Schrift Der eindimensionale Mensch der Außerparlamentarischen Neinsager-Opposition entscheidende Impulse: Freilich analysiert der deutsch-amerikanische Soziologe und Philosoph darin einen gesellschaftlich-zivilisatorischen Zustand, den es eigentlich zu überwinden gilt. Alle Theorie ist grau, in der Praxis haben in letzter Zeit die integrativen, eben eindimensionalisierenden Fähigkeiten des Kapitalismus die Oberhand gewonnen. Marcuse setzte seinerzeit große Hoffnungen in die Ästhetik, sprich Kultur(industrie), die diese aber nicht wirklich erfüllen konnte. Was bleibt dem Störenfried und gelernten Neinsager, als sich an radikalindividualistischen, tönenden Ausformungen von Widerborstigkeit zu erfreuen: etwa dem Cover des Ricky Shayne-Schlagers Ich sprenge alle Ketten, der die Linzer Punkpionierbuam Willi Warma die Liedzeile «und (ich) sage Nein nein nein nein nein!» schmettern ließ. Oder dem Protestsong Rebell der Berliner Punkband Die Ärzte mit dem befreienden Ausruf «Ich bin dagegen». Als probates Mittel gegen die Zumutungen des Lebens empfiehlt sich auch ein offenes Ohr für die oberösterreichisch-bairische Mundart bzw. Umgangssprache und deren Sprachwitz in Form der dort gebräuchlichen doppelten, mitunter gar dreifachen Verneinung: «Von uns hod koana no nia wos zum såg’n ned ghobt». Notfalls bleibt noch immer der Umweg über die grammatikalische Sonderheit des Irrealis. Aber nix Gwiß woaß ma ned!

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