Mehr als eine Geschlechterfrage

Nein sagen zur Hausarbeit ist nicht per se feministisch. Sie bloß zwischen den Geschlechtern aufzuteilen auch nicht. Nicole Schöndorfer erklärt, wieso sich der Widerstand vor allem gegen die Bedingungen richten muss, unter denen Hausarbeit verrichtet werden soll.

Wir kennen sie alle, die traurigen Fakten. Haus- und Sorgearbeit wird überall auf der Welt größtenteils von Frauen und Mädchen erledigt. Laut einer 2019 publizierten Untersuchung der Internationalen Arbeitsorganisation ILO leisten Frauen täglich 4 Stunden und 26 Minuten unbezahlte Arbeit im Haushalt und in der Familie, Männer hingegen nur 1 Stunde und 48 Minuten. Das ist der Durchschnitt in 41 untersuchten Ländern, darunter alle EU-Staaten. Die Fassungslosigkeit ist immer wieder groß, wenn dieses Ungleichgewicht thematisiert wird, die Zahlen verändern sich über die Jahre jedoch nur marginal. Nun ist es zweifellos sinnvoll, die von Frauen verrichtete unbezahlte Arbeit der von Männern gegenüberzustellen, um zu zeigen, wie groß der geschlechtsspezifische Unterschied nach wie vor ist und wie viel sich diesbezüglich auf der Seite der Männer noch tun muss. Das passiert erfreulicherweise auch. Das gesellschaftliche Bewusstsein wächst.

In der feministischen Kritik wird allerdings auch dazu tendiert, die Zahlen ausschließlich anhand dieser Linie zu beurteilen und damit zu suggerieren, dass sich die Ungerechtigkeit durch eine gleichberechtigte Aufteilung der unbezahlten Arbeit zwischen Frauen und Männern auflösen würde. Doch es geht dabei eben nicht nur um eine Geschlechterfrage im Vakuum, sondern vielmehr um eine Geschlechterfrage innerhalb der Klassenfrage.

Ersparter Lohn

Die Entwicklungsorganisation Oxfam hat erst kürzlich eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass Frauen und Mädchen weltweit pro Tag 12,5 Milliarden Stunden an unbezahlter Haus- und Sorgearbeit leisten. Sie hat ausgerechnet, dass der Gegenwert dafür bei 11 Billionen Dollar im Jahr läge, wenn sie dafür zum Mindestlohn bezahlt würden. Das sind also mindestens 11 Billionen Dollar jährlich, die sich das Wirtschaftssystem an Lohn erspart. Denn Fakt ist – und das wurde und wird leider auch von Linken ignoriert bis negiert –, dass nicht entlohnte Haus- und Sorgearbeit ebenso essentiell für das Aufrechterhalten der kapitalistischen Maschinerie ist wie die entlohnte Arbeit in der Fabrik und in den Büros. Auch diejenigen, die derweilen zuhause arbeiten, die kochen, Wäsche waschen und sich um die Kinder kümmern, sind Teil der Arbeiter*innenklasse. Wo sollten sie auch sonst dazu gehören? Sie haben zwar keinen eigenen Lohn, aber müssen am Ende ebenfalls von dem leben, was die Arbeitgeber*innen zahlen. Der Lohn wird dann wiederum dazu verwendet, die nicht entlohnte Arbeit zuhause zu kommandieren und zu kontrollieren.

Dass es nun größtenteils Frauen sind, die den Haushalt schmeißen und die Familie hegen und pflegen, trägt maßgeblich dazu bei, dass diese Arbeit nicht als gleichwertig zur Lohnarbeit oder überhaupt als Arbeit angesehen wird. Dabei produziert sie, wie die italienische Feministin und Autorin Mariarosa Dalla Costa in den 70er Jahren analysierte, die für die kapitalistische Gesellschaft bedeutendste Ware, von der jegliche Produktion abhängt: die Arbeitskraft. Reproduktionsarbeit, wie Haus- und Sorgearbeit bei Dalla Costa und vielen anderen genannt wird, sorgt schließlich dafür, dass die Arbeiter*innenschaft regeneriert wird und fit für die Lohnarbeit bleibt. Dalla Costas Kritik, wie auch die einer anderen prominenten feministischen Theoretikerin aus Italien, Silvia Federici, bezieht sich auf Marx’ Theorie der ursprünglichen Akkumulation, im Zuge derer er das Thema Reproduktionsarbeit nur streift und sie vor allen Dingen nicht im Produktionsprozess verortet. Die Befreiung der Frau macht er am Verlassen des Hauses in Richtung Fabrik fest. Die Reproduktionsarbeit macht dann wer? Eben.

Befreiung der einen, Ausbeutung der anderen

Es ist fast unangenehm, dass sich an dieser Stelle ein Übergang zu einer der marxistischen Theorie völlig entgegengesetzten Denke bauen lässt. Einfach Nein zu sagen zur Haus- und Sorgearbeit ist nicht per se feministisch. Sie als Frau hinter sich zu lassen, hat mit einem feministischen Befreiungsschlag am Ende nichts zu tun. Das darf sich die Gesellschaft von bürgerlichen Frauen und liberalen Feminist*innen auch nicht einreden lassen. Da die Arbeit logischerweise nicht verschwindet, weil sie nicht gemacht wird, wird sie ausgelagert. Und zwar an Migrant*innen und Women of Colour, die unter unsicheren Arbeitsbedingungen für wenig Geld putzen, sitten und pflegen. Die Befreiung der einen Frau bedeutet hier bloß die Ausbeutung einer anderen, in der kapitalistischen Hierarchie weiter unten rangierenden Frau.

Was kann also eine Lösung für das Problem sein? Die gleichberechtigte Aufteilung der Reproduktionsarbeit zwischen den Geschlechtern greift als solche zu kurz, ihre Auslagerung führt zur Verlagerung der Unterdrückung. Dass in der Oxfam-Studie den besagten 12,5 Milliarden verrichteten Arbeitsstunden ein potenzieller Geldwert zugemessen wird, ist im Kapitalismus, in der jeder Wert in Geld gemessen wird, eine gute Basis für eine systemische Kritik.

Aufstand aus der Küche

Schon Mariarosa Dalla Costa und Silvia Federici haben gemeinsam mit Selma James und Brigitte Galtier in der 1972 lancierten Kampagne Wages for Housework versucht, den Fokus darauf zu legen, dass nicht die Reproduktionsarbeit selbst ausbeuterisch ist, sondern die Bedingungen, unter denen sie verrichtet werden soll. «Lohn für Hausarbeit» war keine realpolitische Forderung, sondern der Grundstein für eine Analyse der Geschlechterfrage innerhalb der Klassenfrage. So schreibt Federici in Aufstand aus der Küche: «Es ist die Forderung, durch die unsere Natur endet und unser Kampf beginnt; denn Lohn für Hausarbeit zu verlangen, bedeutet, diese Arbeit als Ausdruck unserer Natur abzulehnen und damit eben die Rolle abzulehnen, die der Kapitalismus für uns erfunden hat.» Die Kampagne hat bis heute nicht an Aktualität eingebüßt.

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