Früh geübt

Das erste Nein ist physisch. René Spitz, Psychoanalytiker und Säuglingsbeobachter, ging dieser Sache auf den Grund: Im psychoanalytischen Klassiker Nein und Ja, erschienen 1959, vertieft er sich in die Technik des kindlichen Kopfabwendens angesichts der Mutterbrust, die gerade nicht gebraucht wird. Ursprünglich, nur ein paar Monate früher, war dieses Seitwärtsrollen des Kopfes noch genau gegenteilig motiviert, eine frühe Suchbewegung, schreibt Spitz, die der Nahrungsquelle galt. Sobald der Säugling aber Übersicht gewonnen hat, den Busen also auf Anhieb findet, droht die gelernte Bewegung ihren Sinn zu verlieren. Verworfen wird sie nicht, stattdessen mit neuer Bedeutung versehen, das Hin und Her des Kopfes wird als Geste der Ablehnung in Gebrauch genommen. Zu beobachten sei sie beim satten Kind ab dem 15. Monat, das sich dem Nachschlag entziehe. In der sogenannten Autonomiephase, also ab dem zweiten Lebensjahr, wird das physische «Willnicht» dann zum Wort. Zum aktiven, oft kraftvollen «Nein».

Auch der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, hat der Verneinung einen Aufsatz gewidmet. Anders als eine Reihe anderer Theorien (etwa «das Weib» als «dunkler Kontinent»!) hat das Konzept zum «Nein» Bestand. «Ein verdrängter Vorstellungs- oder Gedankeninhalt», schreibt Freud 1925, «kann zum Bewusstsein durchdringen unter der Bedingung, dass er sich verneinen lässt». Anders gesagt: Im Schutzmantel des «nie» oder «nein» oder «eh nicht» verlassen Bilder und Wünsche die Dunkelkammer des Unbewussten. «Davon will ich nichts wissen», sagt eine, und schleust im verneinenden «nichts» doch Gedanken, Phantasien und Affekte dazu über die Bewusstseinsgrenze. Solch ein «Nein», schreibt Freud, sei wie ein «Ursprungszertifikat», das aufs Unbewusste verweise. Das «Nein» als «Nein» zeigt wiederum die aktive Trennung zwischen mir und dir auf, zwischen Subjekt und Objekt. Dieses «Nein» sei laut Freud ein Zeichen des Denkens, der Urteilskraft und der Autonomie.

Das Überleben des «Nein» ist nicht gesichert, seinem Erstarken kann einiges entgegenstehen, Abwehrmechanismen vor allem, die sich im Unbewussten bilden und deren Ziel es ist, Unlust und Konflikte zu vermeiden. Anna Freud schrieb 1936 darüber das Buch Das Ich und die Ab­ wehrmechanismen. Von «Altruistischer Abtretung» sprechen Analytiker*innen, wenn die Wahrnehmung fremder Bedürfnisse so sehr im Vordergrund steht, dass die der eigenen kaum mehr möglich ist. Von «Wendung gegen das Selbst», wenn Unmut nicht beim eigentlichen Ziel landet, von «Reaktionsbildung», wenn Ärger zur Freundlichkeit wird. Die Unfähigkeit zum «Nein» zeugt nicht unbedingt von freundlichem Gemüt, vielmehr könnte es sich um eine Entwicklungsstörung handeln, um die zu kümmern es sich lohnt.

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