Töne aus dem Untergrund – Beiruts alternative Musikszene

Die Fotografin Tanya Traboulsi durchforscht Beiruts alternative Musikszene.

 

Das Telefon läutet. Es ist Charbel. ”Tanya, wir proben heute, komm vorbei falls du Zeit hast!” Ich mache mich auf den Weg durch den Beiruter Verkehrsdschungel und finde mich in Charbel’s neuer Wohnung wieder, in der sich auch der Proberaum der Beiruter Punk Rock Band Scrambled Eggs befindet. Seit circa 3 Jahren versuche ich, die alternative Beiruter Musikszene fotografisch zu dokumentieren. Mittlerweile ist mir dieses Projekt sehr ans Herz gewachsen, und die Musikerinnen zählen alle zu meinem Freundinnenkreis. Ob Proben, Konzerte oder einfach nur gemeinsames Abhängen zu Hause oder in Cafés, ich und meine Kamera, wir mögen alles. Nach einer Stunde schlägt Tony, der Bassist der Band vor, auf einen Kaffee zu gehen. Am späten Nachmittag herrscht eine familiäre Stimmung im legendären ”Torino”, einem der wenigen Cafés der Stadt, das sogar in Kriegstagen offen hat. Derzeit herrschen aber friedlichere Tage, und statt Journalistinnen und Pressefotografinnen trifft sich die reguläre Runde für den täglichen Austausch zu Kaffee oder einem frühem Drink. Die meisten von ihnen kommen aus der Musik- oder Kunstszene. Andreas, der Besitzer – ein Deutscher, der schon seit Jahren im Libanon lebt – begrüsst uns, als wir eintreten. Man sitzt an der Bar oder an den kleinen Tischen. Man kennt sich. Im hinteren Teil des Cafés erkenne ich Sharif und setze mich zu ihm. Er ist ebenfalls Musiker. Charbel gesellt sich zu uns. Es ist eine kleine aber feine Szene, die sich in den letzten Jahren in Beirut entwickelt hat.

Wie alles begann, weiß jedoch eigentlich niemand mehr so wirklich. Mein guter Freund Ziad Nawfal, DJ mit eigener Radiosendung, freier Musikproduzent und Musikkritiker, versucht sich an die Anfänge dieser nach wie vor eher jungen Musikszene zu erinnern: ”Bis zum heutigen Tag ist mir nicht wirklich klar, welches Ereignis, oder welche Musikerinnen den Grundstein zur alternativen Musikszene in ihrem heutigen Bestehen in Beirut gelegt haben. Ich erinnere mich an verschiedene Szenarien: Kurz nach Ende des Bürgerkrieges 1991 improvisierte zum Beispiel ”Soapkills” – das Trip-Hop Duo Zeid Hamdan und Yasmine Hamdan – ein spontanes Konzert in einer kleinen Bar im Herzen Beiruts. Damals war ich bereits DJ in diversen Bars und verwendete noch Kassetten (ja, Kassetten!) um das Publikum musikalisch zu unterhalten. Ich finde mich oft vor den Mikrofonen ausländischer Journalistinnen wieder, die mich nach dem entscheidenden Moment fragen, mit dem alles begann. Meistens versuche ich dieser Frage mit der Antwort zu entfliehen, die Szene sei dermassen fruchtbar, so unterschiedlich, fast schon frustrierend chaotisch und doch so beflügelnd, dass ihre Ursprünge irrelevant erscheinen.” Klar ist, dass der 20-jährige Bürgerkrieg das Land und die Gesellschaft zerrüttet und tiefe Narben auf den Seelen der Menschen hinterlassen hat, vor allem auf jenen der sogenannten ”Kriegsgeneration” (sprich: diejenigen, die ihre Teenagerzeit in Kellern aus Schutz vor fallenden Raketen verbrachten). Ich erinnere mich an meine Jugend in Beirut, und obwohl es, im Gegensatz zu vielen meiner Bekannten, nur wenige Jahre Krieg waren, die ich miterlebt habe, war es genug, um Schaden anzurichten. Wahrscheinlich ist es aber genau das, was es ausmacht. Die Intensität der Erlebnisse in der Jugend wirkt sich ja bekanntlich auf spätere Lebensjahre aus, vor allem in der Musik und Kunst. Ich begrüsse eine Freundin, die ich schon länger nicht mehr gesehen habe, während Sharif und Charbel über Musik und Politik diskutieren und sich darüber einig sind, dass die nach wie vor eher instabile politische Situation im Libanon Inspiration sei für Songs und Texte. Nach einer Stunde im ”Torino” schaut Zeid vorbei und fragt mich ob ich mitkommen wolle in sein Studio, er werde einen Song aufnehmen, zusammen mit Hiba, und ich könne Fotos machen. Ich bezahle also meinen Kaffee, verabschiede mich von allen und wir gehen zu Fuss zu Zeid’s Studio im nahegelegenen ”Monot” Viertel, einem christlichen Teil Beiruts. Hiba ist schon dort. Sie singt in Arabisch und ist Zeid’s neueste Entdeckung. Zeid Hamdan, seit jeher eine der Schlüsselfiguren der Szene und Mitbegründer der nicht nur im Libanon prominenten trip-hop Band ”Soapkills” findet, dass die Tatsache, nicht zu wissen, was morgen sei, einen immensen Einfluss auf das Leben und die Arbeitsweise der Kunstschaffenden habe. Es wirke sich nicht nur auf die Gestaltung des Alltags oder der Arbeit aus, aber sehr wohl auch auf zwischenmenschliche Beziehungen jeglicher Art.

Zeid ist selbst immer auf der Suche nach Neuem: neuen Musikerinnen, neuen Musikstilen, neuen Menschen, neuen Instrumenten, Ländern, die er noch nicht bereist hat. Eine produktive Rastlosigkeit, die vielen jungen Libanesinnen sehr vertraut ist. Ich mache Fotos von Hiba’s engelhaftem Gesicht und Zeid’s türkiser Gitarre und beschließe noch bei Sharif vorbeizuschauen, dessen in altem libanesischen Stil errichtetes Haus nur 5 Minuten entfernt ist. Sharif Sehnaoui ist der Gründer und Organisator des jährlichen ”Irtijal” Festivals für experimentelle Musik, Improvisation, Free Jazz und Noise in Beirut. Er ist einer der wahren Pioniere der freien Improvisationsszene im Libanon und auch im Ausland. So etwas wie Musikmanagement, Agenturen oder Booking Agencies existieren im Libanon nicht. Trotzdem entstand vor allem in den letzten Jahren ein ziemlich großes Angebot an Konzertterminen und Parties. Veranstaltungen, Festivals und Symposien finden immer häufiger statt. Dennoch erreicht die alternative Musikszene in Beirut nur eine kleine Gruppe an interessierten Musikliebhaberinnen. Konzerte ziehen normalerweise nicht mehr als 500 Leute an. Die Initiative für Konzerte oder Festivals wird oft von Privatpersonen in die Hand genommen. Ziad Nawfal ist einer der engagiertesten, er organisiert nicht nur Konzerte, sondern produziert auch Bands. In seiner wöchentlichen Radioshow ”Ruptures” präsentiert er (oft erst aufstrebende) Bands, sowie alteingesessene Mitglieder der Musikszene. Die nationale Medienpräsenz dieser Künstlerinnen hält sich in Grenzen, obwohl nach 2006 einige der Bands mit internationalen Labels in Vertrag gingen. So zum Beispiel die Elektro-Pop-Gruppe ”Lumi”, die bei EMI unter Vertrag steht. ”In der Szene herrscht eine sehr intensive kreative Energie,” sagt Mayaline Hage, das weibliche Mitglied der Band, ”diese Energien sind sehr schwer zu bündeln und umzusetzen. Die Herausforderung und Konkurrenz ist groß, gleichzeitig sind wir aber wie eine große Familie, in der man einander kennt, und das schon seit Ewigkeiten. Einige von uns spielen in mehreren Bands, die in ihren Musikstilen oft komplett verschieden sind.” Mehr und mehr jedoch bekommt die Beiruter Musikerszene Aufmerksamkeit von internationalen Medien. Besonders jene der freien Improvisationsszene wie Mazen Kerbaj, Raed Yassin, Charbel Haber und Sharif Sehnaoui werden in international anerkannten Musikmagazinen erwähnt und bekommen regelmäßig Angebote, bei internationalen Festivals aufzutreten (z.B. Steirischer Herbst). Wir sitzen in Sharif Sehnaoui’s Garten, seine Schwester Sara, gleichzeitig meine Verlegerin, gesellt sich zu uns. Wir besprechen kurz einiges zu einem Buch, das wir, gemeinsam mit Ziad Nawfal, bald herausbringen werden und das sich, wie könnte es anders sein, um die alternative Musikszene in Beirut dreht. Ich schlage vor, später gemeinsam auf das Konzert von ”Munma” zu gehen. ”Munma” ist Jawad Nawfal, und von Anfang an dabei. Mit seinen unverkennbaren dunklen, rythmischen Sounds, die er mit Dubstep und Breakbeatelementen spickt, sticht er aus der libanesischen elektronischen Musikszene hervor. Seit 2006 bringt er jedes Jahr ein neues Album heraus, und arbeitet alleine oder im Kollektiv an diversen neuen Projekten. Als wir um circa 10 Uhr Abends ins ”Basement”, einen sehr bekannten Club, kommen, ist es bereits ziemlich voll. Das Konzert beginnt kurz darauf und ich zücke, heute bereits zum dritten Mal, meine Kamera. ”Ich liebe diese Stadt”, denke ich und verliere mich in Jawad’s Musik. Sowie Beirut selbst, erfindet sich auch ihre Musikszene immer wieder neu. Trotz aller Hürden und Komplikationen, die das Leben im ehemaligen (und durchaus wieder auf dem Weg dorthin seienden) ”Paris des Nahen Ostens” mit sich bringt, herrscht eine sehr grosse Liebe zum Leben – und zur Musik.

Links: Lumi Lebanese Underground Scrambled Eggs Irtijal – International Free Improvised Music Festival Ziad Nawfal Munma

Tanya Traboulsi lebt und arbeitet als freiberufliche Fotografin in Beirut. Ihr Fotobuchüber die libanesische Musikszene erscheint im März beim libanesischen Verlag ”Amers Editions”. www.tanyatraboulsi.com

Jetzt teilen