HEIMZAHLEN

Weil ich einigen Leuten etwas schuldig bin: zwei Gesprächspartnerinnen, die bei „Vier Variationen und kein Thema” (KUPF-Zeitung 132) aus Platzgründen draußen bleiben mussten, den Leserinnen der Zeitung, die damit um einige Informationen umgefallen wären und nicht zuletzt mir und meiner vertrackten Beziehung zu meinem lieben Heimatland Kärnten.

Jetzt bin ich wieder hingefahren. Einige Tage ausspannen dachte ich mir, über Silvester, gemeinsam mit der fünfjährigen Tochter: Oma und Opa besuchen, vielleicht auch ein paar liebe Leute von früher, die wenigen, die noch geblieben sind. So dachte ich.

Die geschützten familiären und amikalen Reservate verlassend, stellte sich bei mir jedoch alsbald eine Unbehagtheit ein, die von neuer Qualität war: Das lag weniger an den Gedenkmarterln, die wie Eierschwammerl aus dem Kärntner Boden schießen, auch nicht an den unzähligen Plakaten, auf denen blau-orange G’frieser um permanente Abwatschung zu betteln scheinen und schon gar nicht am freiheitlichen Bruderstreit, der dieser Tage bereits heftig am brodeln war. Nein, es war die Grobschlächtigkeit (oder Schlechtigkeit), die mir aus so vielen Kärntner Augen und Mündern entgegenschlug. Das war zwar nicht neu, aber in dieser Vehemenz doch überraschend. Da löst sogar die beste Kasnudel Würgreflexe aus.

„Gehst halt auf ein Bier”, sagte ich mir, was dann aber gar nicht so einfach war. Das Ballhaus, ein Veranstaltungsort im Klagenfurter Volkshaus, hat mit Ende November 2009 aufgrund ausbleibender Förderungen seine Pforten geschlossen. Als Draufgabe hat sich die Stadt bei der Ballhaus-Chefin Karin Rauter-Zamernik mit einer Geldstrafe über 4.500,- Euro wegen 27 Fehlplakatierungen bedankt.

Rauter-Zamernik ist seit 12 Jahren eine treibende Kraft in der Klagenfurter Alternativkultur- und Musikszene. Bislang hat sie ca. 20 Orte bespielt, mit Vorliebe alte, stimmungsvolle Fabriksareale, die mittlerweile Wohnanlagen oder Einkaufszentren gewichen sind. In den letzten vier Jahren habe man 690.000,- Euro an Betriebsleistung erbracht, davon wurden 18% von Stadt und Land beigesteuert. „Ich bin mir sicher, dass wir das Ballhaus mehr gesponsert haben, als es das Land Kärnten getan hat.”, meint Mirko Messner von der KPÖ, der das von Margarete Schütte- Lihotzky erbaute Volkshaus/Ljudski dom gehört. Aufgrund „akuter Atemnot” hat Karin Rauter-Zamernik ihren Kampf gegen die reaktionäre Kärntner Kulturpolitik vorläufig auf Eis gelegt.

Dann fand sich aber doch ein Ort, um den Bierdurst in annehmbarer Atmosphäre zu stillen, nämlich ein Café unweit des Klagenfurter Stadttheaters, das sinnigerweise Theatercafé heißt. Dort traf ich Angelika Hödl, Geschäftsführerin des Freien zweisprachigen Radios Agora. Hödl ist auch Obfrau der IG Kulturinitiativen Kärnten/Koroška und engagiert sich intensiv im Rahmen von Flüchtlingsbetreuungsprojekten.

Neben einer Volksgruppenförderung finanziert sich Agora über Bundesmittel und EU-Projekte, Stadt- oder Landesgelder gibt es keine – seit 1999, als Jörg Haider zum zweiten Mal auf den Landeshauptmannsessel gewählt wurde. Dafür ist das Volkskulturbudget seitdem um 1.300 % gestiegen, zudem floß etliches Kulturgeld in den Tourismus. Obwohl, eine bemerkenswerte Ausnahme gab es doch: 2005 machte Martin Strutz, freiheitlicher Überläufer aus Leidenschaft und damaliger Landesreferent für Schulen, Bildung, Arbeitsmarkt, Wohnbau, Naturschutz, Landesplanung, Raumordnungs- und Gemeindeplanungsrecht, Landesbedienstete und -lehrer, Tierschutz, Bergwacht sowie Kultur, 12.400,- Euro für eine Jazzveranstaltung locker, die Radio Agora organisiert hatte. Unwissenheit darüber, wen man hier fördert, darf (in Kärnten) einfach unterstellt werden. Schließlich war Strutz auch erst kurz in Amt und Würden. 2006 gab es dann, trotz einer mündlichen Strutzschen Zusage, nichts mehr. Papa Jörg hatte es verboten. Und Strutz war mit Ende des Jahres auch nicht mehr Landesreferent. Radio Agora hat 2008 die Förderzusage eingeklagt, 2009 wurden dem Freien Radio im Vergleich 2.500,- Euro zugesprochen.

Jugendkulturinitiativen wären laut Angelika Hödl eine Perspektive, aber dazu bräuchten die neuen Generationen erst einmal genügend Raum (und Räumlichkeiten). Auch die so genannte Konsensgruppe, in welcher Marjan Sturm (slow. Zentralverband) und Josef Feldner (Kärntner Heimatdienst) den Versuch unternehmen, Kärnten neu zu denken, könnte eine „zarte positive Wende” bedeuten. Angelika Hödl lässt sich jedenfalls nicht klein machen, zur Not gäbe es ja noch das befreundete Ausland, um dringend benötigte Luft schnappen zu können. Prost!

www.ballhaus.at www.igkikk.mur.at www.agora.at

Seit 2004 besteht eine Kooperation mit dem ORF, der sein zweisprachiges Programm auf die Frequenzen von Radio Agora/dva ausgelagert hat.

 

Jetzt teilen