„Ich hätte Heller mit Eiern beworfen”

Janko ist gut gelaunt an seinem vorletzten Arbeitstag. Angst vor der Pension hat der 65- Jährige nicht, er will endlich Schlagzeug lernen: „Dann kann ich bei der Stadt um eine Förderung ansuchen.” Dominika Meindl und Martin Böhm sprachen mit dem scheidenden Kulturdirektor über Aufbauarbeit, Versäumnisse von Linz’09, seine beschränkte Macht und kommende Herausforderungen.

Was haben Sie verändert in Linz? In den vergangenen zwanzig Jahren ist viel geschehen. Pflasterspektakel, der Bau des AEC, der Europäische Kulturmonat, der Kulturentwicklungsplan, das Lentos oder die Bewerbung für das Kulturhauptstadtjahr. Der größte Erfolg ist, dass Linz das ausrichten konnte. Zweiter, ganz wichtiger Punkt: Ich konnte sowohl bei Entscheidungsträgern und in der Wirtschaft als auch in der Bevölkerung klarstellen, dass Kunst und Kultur wesentliche Aspekte für die Stadtentwicklung sind. Besonders wichtig war mir „Kultur für alle”, dass man auf Chancengleichheit schaut. Das passt gerade in eine Arbeiterstadt wie Linz. Das geht einher mit bestmöglicher Qualität. Das Linzfest etwa ist kein Volksfest mit Humptata. Das muss noch viel stärker vorgetragen werden. Wenn jemand sagt, das sei obsolet, dann kennt er sich nicht aus. Wenn ich mir anschaue, wie viele Menschen tatsächlich teilhaben, es werden weniger als 15 Prozent sein, wäre es eine wirkliche Nachhaltigkeit der Kulturhauptstadt, den Anteil auf 25 Prozent zu steigern.

Ist das ’09 gelungen? Nein. Es gab zwar eine enorme Mobilisierung, ich war oft perplex. Aber das Ziel, mehr Menschen den Zugang zu ermöglichen, ist auch die Herausforderung für meinen Nachfolger (sic!). Oder für Kulturschaffende. Wenn ich manche Einladungstexte lese, denke ich mir „Das versteh’ ja ich auch kaum.”

Konnten Sie Projekte nicht umsetzen? Ich wollte 1995 ein Kulturzentrum in den Tabakwerken machen. Ich habe damals schon gesagt, dass ich nicht möchte, dass da ein Supermarkt hineinkommt. Aber ich war zu früh dran.

Was sind die Erfolge von Linz’09? Dass Bewegung in die Stadt gekommen ist, und Aufmerksamkeit für die Kultur – auch von außen. Von den klassischen Messzahlen her war es ein Erfolg. Ein Bewusstsein ist entstanden, dass sich diese offene Stadt nicht ohne die vielen Initiativen, die vor 30 Jahren begonnen haben, so entwickelt hätte.

Was waren Misserfolge? Dass die Linzer Kunst- und Kulturschaffenden nicht stärker eingebunden waren. Ein Viertel des Budgets ist an sie gegangen. Aber ihren Verdiensten ist nicht ausreichend Rechnung getragen worden. Es ist nicht gelungen, die Entwicklung auf einem höheren Level zu fördern.

Wäre Linz in fünf Jahren wieder Kulturhauptstadt, wie könnte das verbessert werden? Es ist die zentralste Aufgabe überhaupt für meine NachfolgerIn, den Kommunikationsprozess wieder aufzunehmen. Zu sagen, ok, was war, das war, auch im Widerstand entstehen Dinge, aber dann gemeinsame nächste Ziele zu entwickeln.

Hat es Versäumnisse der Freien Szene gegeben? Die Freie Szene hat ihre Unzufriedenheit und ihre Forderungen zu wenig artikuliert. Wenn ich noch jung gewesen wäre, hätte ich Heller mit Eiern beworfen und sein Büro besetzt, um für die Freie Szene mehr zu erkämpfen. Das hätte man in den 60ern gemacht. Faktum ist, dass bei der Kommunikation etwas gefehlt hat, vielleicht auf beiden Seiten. Aber das ist vergossene Milch. Ich hätte es mir anders gewünscht.

Für die Linzer Kultur wesentlich war auch der Kulturentwicklungsplan. Was ist da der Stand? Es hat vor eineinhalb Jahren ein Projekt gegeben, aber es hieß, dass man das mit den Wahlen und der Kulturhauptstadt nicht vermischen soll. Das ist jetzt eine wichtige Aufgabe. Es muss eine zeitnahere Evaluierung geben, klarere Zielvorgaben für die großen Kultureinrichtungen, den Auftrag, einen bestimmten Prozentsatz für die Freie Szene auszugeben.

Wieviel Macht hat denn der Kulturdirektor? Der Kulturdirektor hat die Aufgabe, Ideen und Initiativen zu entwickeln und zu kommunizieren. Inhaltlich hat er eine hohe Macht, aber die formelle Entscheidung hat die Politik.

Wie hat sich das Anforderungsprofil geändert? 1990 hat’s vieles noch gar nicht gegeben. Linz hatte einen enormen Nachholbedarf. Jetzt gibt’s eine praktisch fertige kulturelle Infrastruktur. Es geht darum, die vorhandenen Potenziale zu entwickeln und zu kommunizieren, bei gleichbleibenden Budgets.

Wie wichtig ist eine parteilose Nachfolge? Die ÖVP hat ja Widerstand gegen eine SP-interne Nachbesetzung angekündigt.

Es ist ungerecht, jemandem die Qualifikation abzusprechen, nur weil er oder sie einer Partei angehört. Auch umgekehrt, das ist völlig klar. Es muss jemand gesucht werden, der offen ist für das Potenzial, das diese Stadt hat. Ein Ermöglicher – in leider immer enger werdendem Rahmen. Der Spielraum für Neues wird kleiner. Es muss Risikokapital da sein, freie Mittel aus einem Experimentiertopf. Ein internationaler Künstler muss den Drang haben, ein Jahr in Linz in seiner Vita zu haben. Wenn Linz die interessanteste Stadt werden soll, muss ich auch etwas anbieten, das dies rechtfertigt.

Die Langversion des Interviews steht hier zum Download als PDF bereit.

Martin Böhm ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der pro mente austria, Lehrbeauftragter für Soziologie am Ausbildungszentrum für Sozialbetreuungsberufe der CMB.

Dominika Meindl ist freie Journalistin, Schriftstellerin und Veranstalterin der Linzer Lesebühne.

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