Die Donau entlang

Ein Nachruf auf Eugenie Kain.

 

Das letzte Lebenszeichen, das ich von Eugenie Kain wahrnahm, waren Schmerzensschreie, die ich übers Telefon hörte, während ich mit ihrer Tochter Katharina sprach. Als ich später in der Wohnung von Eugenie und Katharina ankam, schlief Jenny bereits unter dem Einfluß von Schlaf- und schmerzbetäubenden Mitteln. Die in den Vorraum führende Tür zu ihrem Zimmer war geschlossen.

In den Wochen zuvor bekam ich unmittelbar mit, was Krankheit in letzter Konsequenz innerhalb kurzer Zeit an einem Menschen zu vollbringen vermag. Mir war diese Erfahrung fremd und ich bin nach wie vor nicht schockiert oder verängstigt ob dessen, was ich wahrnehmen konnte, sondern erstaunt und jenseits des Verstehen- Könnens darüber, welch rapide Abwärts-Entwicklung auch vor meinen Augen bei Eugenie vor sich ging.

Traurigkeit und das Wissen um den bereits erfolgten und den noch bevorstehenden Verlust. Die Wut in Eugenies Mutter wegen der Ungerechtigkeit der Welt angesichts der schweren Erkrankung ihrer Tochter als instinktiver Schutz vor jenem Grad an Verzweiflung, der bewegungsund handlungsunfähig werden lässt. Die Feindseligkeit des Lebens in Augenblicken des Bewusstwerdens, dass es keine Rückkehr mehr gibt zu anderen Verhältnissen, wo Erlebtes scheinbar wiederholbar ist.

Eugenie Kain war eine Persönlichkeit, zudem eine vielseitige Person und vor allem auch ein Mensch, der in seiner Entwicklung nicht stehen blieb, der Leben auch als Prozess einer fortlaufenden Veränderung, auch bei sich selbst, verstand. Ich denke, dass man umso offener sein kann in seiner Entwicklung, in seinem Denken und Empfinden, je stärker der Rückhalt ist, den man vorhanden spürt, je fester der Boden, der einen trägt. Ich meine, dass Eugenie in ihrem Denken eine relativ furchtlose Person war, dass Sie sich nicht mit gedanklichen Mauern umgeben wollte und diese auch nicht brauchte, um sich – vermeintlich – zu schützen. Ihr Schutz war unter anderem die Vorstellung, dass es eine andere, bessere Welt geben könnte, eine friedfertigere, jedenfalls gerechtere und weniger von augenscheinlicher Dummheit durchsetzte Welt. Eugenie wollte nicht „über den Dingen” stehen – im Sinne eines Verzichts auf Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Leben abseits und außerhalb kultureller und politischer Reservate. Sie hatte Übung darin, der eigenen Verzweiflung ob mancher „alltäglicher” Wahrnehmungen Platz zu geben, und erneut auch mit Empörung und Wut auf Zu- und Umstände zu reagieren, die ihr gegen den Strich gingen. Sich auf die Füße zu stellen, sich trotz einer relativen Aussichtslosigkeit der Ohnmacht, nichts (mehr) ausrichten zu können, entgegen zu stellen, war ein Ansatz- und Anhaltspunkt von Eugenie Kains Leben, der sich auch in ihren Arbeiten als Autorin, Journalistin und Kolumnistin widerspiegelte.

Über sich selbst bestimmen zu können, war ihr in den letzten Wochen ihres Lebens nicht mehr möglich. Beständig kleiner wurde ihr Spielraum an Autonomie, bis nur mehr ein abgekapseltes Universum, eingehüllt von Betäubung, über blieb. Vorher war es für sie äußerst schmerzlich und kaum zu ertragen, den eigenen Verfall mitzubekommen.

Diesmal jedoch war ihr Aufbäumen vergeblich. Jenes Aufbäumen, das Eugenie, als Ausdruck ihres starken Überlebens- und Lebenswillens – im Zusammenspiel mit diversen medizinischen Behandlungen, dem Rückhalt durch Margit und andere Menschen, dem Wunsch, noch Zeit mit den ihr wichtigen Menschen zu verbringen, sowie den Vorhaben, die sie vor allem als Autorin noch hatte – nach Entdeckung der schon allzu weit fortgeschrittenen Krebserkrankung Mitte 2007 wesentlich geholfen hatte, sich zumindest zeitweilig von der Überschattung durch die Krankheit zu lösen, konnte diesmal nichts mehr bewirken.

Eugenie Kain starb am 8. Jänner 2010, noch nicht einmal fünfzigjährig.

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2009 erschien im Otto Müller Verlag Salzburg der Erzählband „Schneckenkönig”. Die „Randschriften” von Eugenie Kain sollen, herausgegeben von der Kupf, in nächster Zeit gesammelt in Buchform erscheinen.

Die Sendungen der Reihe „Summerau,96”, in denen Eugenie zu Gast war, werden zur Gänze bis Mitte dieses Jahres im Archiv der Freien Radios unter cba.fro.at nachzuhören sein.

 

Erich Klinger ist Gestalter von Radiosendungen auf Radio FRO. Autor. Ideale Testperson für das bedingungslose Grundeinkommen.

 

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