Beim Schreiben fremd werden

Franz Fend stellt Eugenie Kain ihr neues Buch „Atemnot“ vor.

 

Eugenie Kain hat mit ihrem jüngsten Roman „Atemnot“ ein trauriges aber auch verstörend schönes Buch über das Erinnern und das Verabschieden geschaffen. „Wo moderne Stadt auf altes Gebiet vorstößt, muss nicht unbedingt Neues entstehen. Bleibt alles beim Alten, kommen nicht nur die Gstetten und alten Häuser unter die Räder.“ Wir erinnern uns. Eugenie Kain hat mit diesem Satz ihre Serie „Linz Rand“ in der verblichenen Stadtzeitung „hillinger“ eingeleitet. Die Autorin begab sich mit dieser Serie auf Spurensuche zu den Rändern der Stadt Linz. Wo sich Stadt hinaus über seine Grenzen in fremdes Gebiet frisst, wo urbaner Wildwuchs nicht nur der Landschaft Verletzungen sonder Zahl zufügt.

Mit ihrem jüngst erschienenen Roman „Atemnot“ hat sich Eugenie Kain wieder auf Spurensuche in die Randzonen des menschlichen Lebens begeben. Weniger sind hier jedoch die geographischen Randzonen gemeint; es werden eher die Ränder und Abgründe des menschlicher Nöte und Bedrängnisse in den literarischen Fokus der Autorin gerückt. „Eine Geschichte von der morgen keiner mehr weiß. Wenn wir sie nicht festhalten“, schreibt die Kain. Das scheint literarisches Credo der Autorin zu sein. Geschichten zu haschen, sie dem Vergessen zu entreißen, Menschen ins Bewusstsein zu schreiben. Auch das erzeugt Atemnot.

Über Ränder wird meist mehr gesprochen als dass sie selber reden. Dies gilt für alle Kategorien von Rändern, seien es historische, politische, geographische, soziale, kulturelle oder künstlerische. Die Ränder gehören nicht zu den Wortgewaltigen. Will man jedoch, „dass jemand, der nicht zu den Wortgewaltigen gehört, es schafft, etwas zu sagen (und oft sagt er dann ganz außerordentliche Dinge, die diejenigen, die ständig das Wort führen, nicht einmal denken können) muss man ihn beim Sprechen unterstützen“, sagt Bourdieu. Diese Unterstützung findet im vorherrschenden gesellschaftlichen und kulturellen Diskurs nicht statt.

Die Autorin tut genau das. Eugenie Kain leiht in „Atemnot“ den Menschen am Rand der Gesellschaft ihre Stimme, obwohl sie diese nicht selber reden lässt. Das zeigt noch eindringlicher die beklemmende Atemnot, die jene befällt, die nicht zu den Großsprechern der Gesellschaft zählen.

Wie Desiree, jener Figur, die im Zentrum dieses Romans steht. Im ersten Kapitel, „Wildwochen“, zeichnet die Autorin den letzten Weg Derisees. Von der unerträglichen Rackerei als Küchengehilfin in einem Wirtshaus, wo ihr weitreichender Entschluss reifte bis zu den Wohntürmen am Harterplateau, wo sie ihr junges Leben beendete. „Einmal fliegen, dachte Desiree, einmal im Leben frei sein. Dann stieß sie sich ab und sprang auf das Höllengebirge zu.“

Um Desirees Biographie wirkt die Autorin eine dichtes, kunstvolles Gewebe von Geschichten, Figuren, Orten, Schicksalen. Ein flirrendes, oft verstörendes Kaleidoskop, manchmal von bestechender Schärfe und manchmal verblassend, wie dies Erinnerungen eben so eigen ist. Eugenie Kain unterbricht den Erzählfluss immer wieder durch kurze, lyrische Cuts, literarische Schnitte, die sich in den Roman graben, wie die Rasierklinge in die Haut des geschundenen und verletzten Mädchens, das ihren einzigen Ausweg in der Selbstzerstörung sieht.

Kain bedient sich nicht einer linearen Erzählweise von Zeitpunkt A zum Zeitpunkt B, vom Ort X zum Ort Y. Ihre Figuren sind wie multiple Persönlichkeiten. Der Autorin alter ego, erscheint einmal als Therese, mal als Marie und mal als Herta. Max Praha erscheint anderen Ortes als Gamsjäger. Eine Erzählweise die dem Stoff angemessen ist, denn auch das Leben fließt nicht einförmig, in gleichmäßiger Bewegung dahin. Kains Roman ist somit ein Werk, das schriftstellerisch auf der Höhe der Zeit steht. Die Meinung mancher Kritiker, der Text sei zu sehr Stückwerk, zeugt davon, dass diese bei der Romantheorie des letzten Jahrhunderts stehen geblieben sind.

Eugenie Kains Buch ist auch ein Buch der Erinnerung und des Abschieds und der Angst, die Abschied-nehmen erzeugt. Viele der Figuren sind bis zur Kenntlichkeit verfremdet. „Prahas Erzählung war längst ein Teil von Thereses Erinnerung“, lesen wir. Und: „Marie sagte Max Praha nichts von den Augen der Fürstin beim Abschied. Wieder der lange fensterlose Gang und hinter dicken Gläsern die Augen der Fürstin. In ihnen schrie die Angst.“ Atemnot.

Doch Eugenie Kain zeigt in ihrem Roman auch Verfahren zur Bewältigung der Angst. Insoferne ist „Atemnot“ auch ein Buch über die Leiden des Schreibens. „Therese hat sich wieder zurückgezogen. Es war schwierig, in diesem Jahr das Gleichgewicht zu halten.“ Mit ihrem Werk hat Kain das Gleichgewicht gehalten. Sie schließt den Text: „Beim Schreiben werde ich mit fremd. Strich für Strich schwärzt sich das Blatt.“ Deswegen oder vielleicht trotzdem.

Franz Fend

Eugenie Kain: Atemnot Resistenz Verlag, Linz – Wien 2001, ISBN 3-85285-065-7, 149 S.

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