Begegnung der dritten Art

Die Künstlergruppe „wunderkinder KG“ war bei Andi Wahl zu Gast.

 

Bei mir in der Küche sind kürzlich zwei zeitgenössische Künstler gesessen, ganz echte, und haben Unmengen an Kokosstangerl verdrückt und schwarzen Tee getrunken. Das ganze auch noch am helllichten Vormittag, wo ich doch immer gedacht habe, dass der Vormittag für Bohemiens strikte Schlafenszeit wäre. Aber nicht nur dieses Vorurteil musste ich an diesem Vormittag ablegen.

Das ganze kam so: Wir hatten in letzter Zeit einige Germteiggerichte. Einmal gab es Mohnstrudel, ein andermal Germknödel und dann wieder Buchteln. Meine liebste Doris ist nämlich, müssen Sie wissen, ein ähnlich begnadetes Leckermaul wie ich. Wie jedeR weiß, benötigt man zur Herstellung eines Germteiges nur das Gelbe vom Ei, sprich den Dotter. Das Eiklar bleibt also übrig und wird im Kühlschrank aufbewahrt. Eiklar hält sich Wochen im Kühlschrank ohne an Qualität einzubüßen. Immer wenn wir das Klar von vier bis sechs Eiern gesammelt haben, fabrizieren wir daraus Kokosstangerl. (6 Klar, 1 P. Vanillezucker, 24 dag Staubzucker, 16 dag Kokosette, 6 dag griffiges Mehl. Köstlich)

Als es nun wieder einmal soweit war, hat sich Horst Scheiböck, seines Zeichens 1/3-Wunderkind angesagt. Er wolle vorbei kommen und mir für einen Artikel, den ich zu schreiben hatte, nähere Informationen zur Künstlergruppe „wunderkinder KG“ zukommen lassen. Im Schlepptau hatte er den hoch dekorierten Avantgardefilmer Siegfried A. Fruhauf (2001 Avantgardefilmpreise New York und Californien). Fruhauf ist ein weiteres Blatt des Künstler-Kleeblattes „wunderkinder KG“. Der Dritte dieses Dreigestirns, POLI – Rudolf Pointinger – konnte leider nicht kommen, weil er zuviel Arbeit hatte oder nicht aufstehen wollte.

Als Scheiböck und Fruhauf nun kamen, waren unsere Kokosstangerl gerade fertig und wir boten sie unseren Gästen natürlich an, was die beiden nur all zu gerne annahmen. Damit sie nicht zu hastig essen, fragte ich sie ein wenig über ihre Künstlergruppe aus und konnte Bemerkenswertes erfahren. So gaben die beiden unumwunden zu, dass ein wesentlicher Grund für ihren Zusammenschluss der sei, dass man als Gruppe weitaus leichter bemerkt werde als es Einzelkünstler, zumal wenn sie jung sind, vermögen. Aber halt! War da nicht ein schelmisches Aufblitzen in ihrem Blick? Man kann sich bei den Dreien nie sicher sein, ob man nicht gerade Teil eines ironischen Spieles wird. Darum frage ich nach: Ist das als Persiflage auf den Markenwahn des globalisierten Kapitalismus gemeint? Wurden Anleihen bei Naomi Kleins „No-Logo“ genommen? Oder setzen da drei unbekümmerte Burschen einfach praktisch um, was andere nur diskutieren? Die Antwort bleiben sie mir schuldig, und immer wenn ich sie zum Theoretisieren drängen will, entziehen sie sich missmutig und wollen über Reales sprechen. Sehr viel uneitler, als man das sonst von Absolventen und Studenten der Linzer Kunstuni gewohnt ist, verzichten sie auf das ganze theoretische Blendwerk, das ich in den letzen Jahren immer als „zum Handwerk gehörend“ betrachtete.

Viel lieber geben sie mir ein Beispiel ihres Gruppen-Schaffens: Die Stadtgemeinde Grieskirchen lud die „wunderkinder KG“ im April und Mai letzten Jahres zur Landlwoche, einer Veranstaltungsreihe mit unterschiedlichen, meist folkloristischen Darbietungen ein, ein bisserl zeitgenössische Kunst über die Traditionskultur zu streuen. Mit ihrer vierzehntägigen Präsenz auf dem Hauptplatz von Grieskirchen, wo sie in Baucontainern residierten, trafen sie den Geschmack der Stadtväter allerdings nicht ganz. Als Stachel im Fleisch der „Landlwochen“ machten sie sich immer wieder über den aufgesetzten Traditionalismus lustig und legten durch akribische Materialsammlung so manche Inkompetenz frei. Sehr kontroversiell wurde auch ihre Most-Schwitzhütte „ciderspace“ aufgenommen. Dort wurden ständig 200 Liter Most aufgekocht. „Jener Saft“, wie es im Begleittext zu dieser Aktion hieß, „den die Landlbewohner liebevoll als ‚Landessäure‘ bezeichnen und unter dessen Einfluss, ebenfalls in großer Tradition und ohne dabei gravierend aus dem gesellschaftlichen Rahmen zu fallen, Lebewesen halb oder ganz erschlagen, Häuser angezündet oder verspielt und Rauschkinder gezeugt werden.“ Die BewohnerInnen von Grieskirchen waren eingeladen, sich in diesem Dampfbad einen „ordentlichen Rausch“ zu inhalieren.

Wer die Wunderkinder also einlädt, muss auch damit rechnen, flux vom Auftraggeber zur Zielscheibe zu mutieren. Dazu braucht es natürlich einigen Mut und Bereitschaft zu Selbstreflexion. Ansonsten gefallen sich die Wunderkinder im revolutionären Gestus. „…einem Bauhilfsarbeiter zu erklären, was wir machen, ist immer noch spannender, als sich semiprofessionelles Vernissagengelaber von gelangweilten Szenetypen anzuhören.“ heißt es etwa in einem ihrer Texte. Aber auch das kann bei dieser Gruppe nur wieder Teil einer satirischen Selbststilisierung zu „jungen Wilden“ sein.

Sicher sind bei ihnen nur zwei Dinge. Alles was sie als „wunderkinder KG“ anstellen, muss ihnen Spaß machen und sie können gleichzeitig reden und essen. In meinem Fall war es mir nicht mehr möglich, die Kokosstangerl in Schokolade zu tunken, weil die Beiden sie in ihren Bäuchen davon trugen. Ich vergönn sie ihnen.

Andi Wahl

Kontakt: Horst Scheiböck, Jägerstraße 12, 4040 Linz, tel: 0699.104 34 074, mailto:horst.scheiboeck@ufg.ac.at

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