Diagnose und Kritik

Ist Widerstand wirklich machbar? Lesbar ist er auf jeden Fall. Noch ehe er den Lesesommer ins Ausgedinge schickte, las Martin Lengauer ein Buch mit dem schönen Titel „Philosophie in Aktion“.

 

von Martin Lengauer

Obwohl hauptsächlich österreichische PhilosophInnen und GeisteswissenschafterInnen zu Wort kommen, ist das Kompendium garantiert Liessmann-frei. Unter den durchwegs lesenswerten Auseinandersetzungen mit Demokratie, Rassismus, österreichischer und europäischer Politik finden sich auch Beiträge international renommierter DenkerInnen: Chantal Mouffe, Pierre Bourdieu und Slavoj Zizek. Ist der Widerstand gegen eine legal gewählte Regierung – wie die im Amt befindliche österreichische – legitim? Wenn ja, woraus schöpft der Widerstand seine Legitimität? Auf welchen Ebenen und welchen Strategien folgend kann und soll sich Widerstand gegen Rassismus in Politik und Gesellschaft äußern? Worin wurzelt überhaupt das Ansteigen rassistischer Politik in westlichen Demokratien, was macht den Erfolg von Politikern wie dem Kärntner Landeshauptmann aus? Und wie verhält sich das politische Establishment in Österreich bzw. in Europa dazu? Fragen, die über das in Kommentarspalten und diversen medialen Debatten gepflogene Repertoire zwischen Empörung und Beschwichtigung weit hinaus reichen. Sie zielen auf eine Anamnese der österreichischen, respektive europäischen Demokratie selbst ab. Gestellt werden diese Fragen in einem Buch, das bereits seit einigen Monaten im Handel ist. Es heißt „Philosophie in Aktion“, sein Untertitel besteht aus den drei Wörtern Demokratie – Rassismus – Österreich, als Herausgeber fungieren Silvia Stoller, Elisabeth Nemeth und Gerhard Unterthurner, drei in Wien ansässige PhilosophInnen. Die versammelten Texte sind großteils Transkripte von Vorträgen, gehalten im Rahmen einer Aktionswoche im März 2000 am Institut für Philosophie der Universität Wien. Studierende und Lehrende sahen sich angesichts der Regierungsbeteiligung der FPÖ genötigt, wissenschaftliche Kritik an gesellschaftlichen Entwicklungen öffentlich zu machen. Und wie es sich für WissenschafterInnen gehört, halten sich ihre Analysen kaum mit der Kommentierung tagespolitischer Aktualitäten auf, sondern befassen sich kontrovers und unter verschiedenen methodischen Gesichtspunkten mit den evidenten oder verschleierten Hintergründen und Zurichtungen des Politischen anno 2000. Die HerausgeberInnen nennen das „Diagnose und Kritik“. Beide fallen ziemlich scharf aus, insbesondere was die Rolle des Rassismus in der österreichischen wie europäischen Demokratie betrifft. In mehreren Beiträgen wird klar heraus gestellt, dass Rassismus nicht bloß ein Vorurteil vorwiegend ungebildeter Schichten ist, das von populistischen Parteien politisch instrumentalisiert werden kann, sondern das Denken und Handeln vieler Eliten – etwa auch in manchen Qualitätsmedien – rassistische Züge trägt. Andere Beiträge, u. a. auch jene von Pierre Bourdieu und Chantal Mouffe, befassen sich mit Alternativen zum westlichen Demokratiemodell bzw. seinem liberal-kapitalistischen wirtschaftlichen Fundament. Seit sich auch die Sozialdemokratie dazu entschlossen hat, unter dem irreführenden Schlagwort vom „dritten Weg“ den globalen Kapitalismus als einzig mögliche Wirtschaftsform zu akzeptieren, scheinen alternative Demokratie- und Ökonomiemodelle von vornherein diskreditiert. „Philosophie in Aktion“ denkt gegen diese Festschreibung an -und es ist kein Wunder, dass sich einige Überlegungen um den Begriff der Zivilgesellschaft gruppieren. Ein lesenswertes Unterfangen, die ausführliche, aber nicht abgeschlossene Diskussion dieses Begriffs – jenseits von Khols Nachbarschaftshilfemodell – nachzuvollziehen. Wer meint, dass auch und gerade nach dem Ende der „Sanktionen“ eine prinzipielle Debatte über den Zustand der Demokratie in Österreich und Europa unerlässlich ist, der greife getrost zu „Philosophie in Aktion“. Die Beiträge erschließen sich auch philosophisch weniger gebildeten LeserInnen – und Fremdwörterlexikon braucht man auchnicht. Einem politisch-philosophischen Leseherbst steht also nichts im Wege.

Philosophie in Aktion. Demokratie Ð Rassismus Ð Österreich. Hg. von Silvia Stoller, Elisabeth Nemeth und Gerhard Unterthurner.- Wien: Turia und Kant, 2000.

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