Wiedereinbürgerung der Ausgebürgerten

„Herr Müller fährt mit seiner Freundin auf der Autobahn bei strahlend schönem Wetter in Richtung Salzburg. Die im Kofferraum befindliche Bierkiste ist schon wieder einmal leer. Und ausgerechnet hier finden sie keine Tankstelle. Seine Frau aber war sowieso schon rund.“ Armin Krieger, aus Special Poetics 1998 Künstlerisches und kulturelles Schaffen von geistig und mehrfach behinderten Menschen hat schon lange den Geruch der reinen Freizeitbeschäftigung verloren. Immer selbstbewusster fordern Behinderte ihren Platz in der Gesellschaft, öffentliche Aufmerksamkeit und die Anerkennung ihrer Tätigkeit als gleichwertige Beiträge zum künstlerischen und kulturellen Leben. Ein Beispiel dafür ist die Theatergruppe MALARIA, die kürzlich ihren ersten eigenen Film vorstellte. Andi Wahl führte auch ein Interview mit drei Mitgliedern der Theatergruppe.

 

von Andi Wahl

Das Diakoniewerk Gallneukirchen zählt mit seinen Werkstätten für geistig- und mehrfach Behinderte, Wohn- und Altenheimen sowie seinen Ausbildungsstätten zu den größten Behinderteneinrichtungen Oberösterreichs. In der mehr als hundertjährigen Geschichte der Behindertenarbeit in Gallneukirchen haben sich auch Bild und Stellung von Behinderten in der Gesellschaft stark gewandelt. An die Stelle von Verwahreinrichtungen, die Menschen mit Behinderungen „von der Straße“ wegholen sollten, sind Institutionen getreten, die zurück in die Gesellschaft drängen. Zwanghafte Anpassung und „Dressur“ mussten einem selbstbewußten aus-der-Norm-sein geistig Behinderter weichen. Immer bewusster fordern sie ihren Platz in der Gesellschaft und der öffentlichen Wahrnehmung. Von Freizeitbeschäftigung zu ernsthafter Beschäftigung mit Kunst und Kultur

Ein sehr wesentlicher Teil der sozialen (Wieder)Eingliederung vollzieht sich im Bereich der Freizeitgestaltung, weshalb dieser Bereich auch im Diakoniewerk einen immer höheren Stellenwert erhält. Der rege Zulauf zu Freizeitclubs, offenen Ateliers, Literaturzirkeln, dem Kaffeehausbetrieb und der Theatergruppe zeigt den hohen Bedarf an solchen Einrichtungen. Aber auch hier hat sich ein bedeutender Wandel vollzogen. Für viele hat sich die einstige kreative Freizeitgestaltung zur ernsthaften Beschäftigung mit Kunst und Kultur gewandelt. Eine Beschäftigung die mittlerweile mehr ist als ein Steckenpferd und ein Vehikel um soziale Kontakte zu knüpfen. So werden in den offenen Ateliers nicht nur Werke produziert, sondern diese auch besprochen. Mehrmals im Jahr werden Ausstellungen besucht und Diskussionen mit anderen KünstlerInnen organisiert. Eine Vorreiterrolle in der Besetzung öffentlicher Räume und der Generierung öffentlicher Aufmerksamkeit spielt seit 1991 die von Iris Hanousek geleitete Theatergruppe MALARIA. Hier richten zehn SchauspielerInnen im wahrsten Sinn des Wortes die Scheinwerfer auf sich selbst und fordern Beachtung. Standen zu Beginn der Arbeit noch Ausdrucksübungen und das Kennenlernen unterschiedlicher Theaterformen, so hat das Ensemble mittlerweile die Grenzen einer Theatergruppe hinter sich gelassen und seine Aktivitäten auch auf Film und Performances ausgedehnt. Zahlreiche Kooperationsprojekte wie etwas die Zusammenarbeit mit der örtlichen Musikschule sowie anderen Theatergruppen, die Mitwirkung in professionellen Filmproduktionen sind nur einige Wegmarken der letzten neun Jahren MALARIA. Erster eigener Film

Im Frühjahr dieses Jahres hat die Gruppe nun ihren ersten eigenen Film „Mr. Artus Reise an die Ufer Lethes“ im Linzer City-Kino präsentiert. Ein zivilisationskritischer Film mit science-fiction-Anklängen. Die Entstehungsgeschichte von „Mr. Artus …“ verweist auch auf die besondere Arbeitsweise von MALARIA. Sowohl Idee als auch Drehbuch stammen von der Gruppe selbst, jedes Ensemblemitglied steuerte eine von ihm/ihr entworfene Figur und Kurzepisode bei. Dem Geschick der Spielleiterin ist es zu verdanken, dass diese Fülle an Einzelbeiträgen, meist mit dem Stilmittel der Rückblende, zu einem kompakten Film gegossen wurde. Aber noch ein weiterer Aspekt fällt auf: die große Fähigkeit von MALARIA, KooperationspartnerInnen begeistern und gewinnen zu können. So wurde „Mr. Artus …“ in Kooperation mit dem Linzer Centrum für Gegenwartskunst, das wertvolle Hilfestellungen bot, produziert. Kamera und Schnitt wurden von zwei Profis, Sibylle Küblböck und Gottfried Gusenbauer besorgt, die Kostüme kamen von der Laienschauspielgruppe Aiser aus Schwertberg.

Theatergruppe MALARIA, Iris Hanousek, Botenstraße 2, Gallneukirchen, Tel. 07235/65989, Fax 07235/63251/201. MALARIA ist an weiteren Kooperationsprojekten interessiert.

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