Warum wir alle Kollaborateur/innen sind

Mark Terkessidis weiß viel und hat viel zu erzählen. Kollaboration liest sich, als würde der Autor selbst der Leserin sämtliche Anekdoten, Assoziationen und Ausführungen bei einer Tasse Tee schildern.

Terkessidis‘ Interkultur (2010) hatte maßgeblichen Einfluss auf die Arbeit der KUPF. Die Erwartungen an Kollaboration (2015) sind daher groß.

Zuerst die schlechte Nachricht: Ganz scheint das Buch nicht zu wissen, wohin es will. Besonders deutlich wird das daran, dass Terkessidis sein Werk im letzten Kapitel als „Sammelsurium“ bezeichnet. Ein solches ist das Buch auch, wer einen großen Theorieentwurf erwartet, wird enttäuscht.

Mit Kollaboration meint Terkessidis Zusammenarbeit in ihrem eigentlichen Sinn. Die Konnotation von Kriegs-Kollaboration prägt den Begriff jedoch bis heute. Ebenso habe auch Kollaboration als Zusammenarbeit sowohl eine positive, als auch eine negative Prägung: Kollaborateur/innen in Terkessidis‘ Verständnis arrangieren sich immer auch mit den herrschenden Verhältnissen, während sie neue Handlungsspielräume öffnen. Wir – als uns selbst disziplinierende Individuen – hätten unsere neoliberale (Eigen-)Verantwortung schon so weit verinnerlicht, dass wir beginnen, auch dort Verantwortung zu übernehmen, wo öffentliche bzw. politische Einrichtungen sie kaum noch wahr nehmen.

Wenn sich die Eltern einer Schulklasse zusammentun und das Klassenzimmer der Kinder – darunter auch Terkessidis‘ Sohn – ausmalen, so sei das bereits ein Beispiel für Kollaboration. Die Notwendigkeit einer solchen Kollaboration ergebe sich oft auch aus dem Versagen staatlicher Einrichtungen oder gar der Politik, eine gewisse Grundversorgung anzubieten.

Kollaboration geht meist aus von Terkessidis‘ eigenen Erfahrungen. Er kommt etwa von der Comic-Lektüre mit seinem Sohn auf die Helden der griechischen Mythologie zu sprechen – beides Beispiele für Menschen mit Migrationserfahrung und damit typische Protagonisten innerhalb Terkessidis‘ Theoriegebäude von Interkultur, Parapolis (der Stadt der Vielheit) und Kollaboration.

Die gute Nachricht also: Ob Musik – von Folklore bis Indie –, Kunst, Theater, Literatur, Bildung: Es ist für jede/n was dabei. Beispiele für verschiedene kollaborative Projekte (oftmals initiiert vom Autor selbst) finden sich im Buch, anschaulich eingebettet in Terkessidis‘ – nach eigenen Angaben „praktisch-philosophische“ – Abhandlung.

Ich kann nicht erklären warum – ich denke an Kollaboration und habe sofort Tocotronics Kapitulation im Ohr: „Alle, die disziplinieren, sie müssen kapitulieren.“

 

Mark Terkessidis, Kollaboration, suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-12686-8

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