Gibt es einen Kulturjournalismus in OÖ?

Auf der Suche nach Kultur und Journalismus in den marktbeherrschenden Printmedien Oberösterreichs. Von Sebastian Fasthuber.

Nach 15 Jahren in Wien lebe ich wieder in meiner Herkunftsstadt Wels. Arbeit werde ich als Kulturjournalist in Oberösterreich aber wahrscheinlich nie finden, denn die hiesige Printmedienlandschaft ist ein Trauerspiel. Manchmal kann ich auch darüber lachen.

Als ich vor sechs Jahren zurück nach Oberösterreich zog, stellte ich mir gleich nach dem Auspacken der wichtigsten Kartons die im Titel formulierte Frage. Gut, vielleicht nicht direkt danach, kannte ich die oberösterreichische Medienlandschaft aus meiner Jugend doch schon ein wenig. Zeit für ein intimes Geständnis: Mein erster Medienjob war 1997 ein Ferialpraktikum bei der „Welser Rundschau“. Und – an der Stelle muss das Geschilderte für PraktikantInnen der heutigen Zeit utopisch wirken – man wollte mich dort auch gleich anstellen. Ich hätte die Kulturseite bekommen, aber auch die Berichterstattung über den Raum Gunskirchen (oder war es Eferding?) übernehmen müssen.

Die Aussicht, Dorfkaiser zu besuchen und den Angehörigen von Unfallopfern hinterherzutelefonieren, erschien mir zu trist, als dass ich sie mir damit hätte schönreden können, wöchentlich Berichte über das Geschehen im Alten Schlachthof Wels verfassen zu dürfen. Mit meinen 20 Jahren dachte ich mir: “Wenn du das machst, studierst du nie fertig, dafür bist du in fünf Jahren Zyniker und Alkoholiker.” Ein paar Jahre später gab es die „Welser Rundschau“ in der Form nicht mehr. Heute ist sie ein an alle Haushalte gesendetes Gratisblatt und Kleinformat, in dem Artikel und Werbung kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. Ähnliches gilt für die Regionalzeitung „Tips“, die wie die „Oberösterreichischen Nachrichten“ zur Wimmer Medien Gruppe gehört.

Kraut und Ruam

Eine Kulturberichterstattung gibt es in diesen Zeitungen, die diese Bezeichnung kaum noch verdienen, nicht. Die paar RedakteurInnen, die dort arbeiten, müssen wöchentlich eine Vielzahl an Seiten füllen, sodass fürs Recherchieren und Schreiben kaum Zeit bleibt. Was den Kultur- und Veranstaltungsbereich betrifft, behelfen sie sich mit Vorankündigungen, für die sie auf die Texte auf den Webseiten der VeranstalterInnen zugreifen. Es wird auf die Art zwar ansatzweise abgebildet, was sich kulturell in der näheren Umgebung tut, aber wer wo auftritt und ob es sich um eine Schlagergala, ein Hardcore-Freejazzkonzert oder eine Kochshow handelt, ist egal: Im Grunde ist eh alles gleich super.

Wäre ich damals „Rundschau“-Redakteur geworden, würde ich heute vermutlich mangels anderer Optionen für die „Oberösterreichischen Nachrichten“ schreiben. Ich bin nicht nach Oberösterreich zurückgekommen, um bei einem hiesigen Medium anzuheuern, sondern aus privaten Gründen. Aber irgendwann im Winter 2009/10 hat es mich doch gejuckt, was die hier lebenden Kollegen so machen, und ich griff mir den Kulturteil der „Nachrichten“. Man vertritt dort einen sehr weit gefassten Kulturbegriff. Aufmachergeschichte war an dem Tag ein Text über die Skirennen in Kitzbühel. Er drehte sich um den immensen Aufwand, den der ORF bei der Übertragung der Hahnenkamm-Abfahrt treibt, und es wurde vorgerechnet, wie viele Kameras im Einsatz sind. Abgerundet wurde die Seite von einem Interview mit einem Sportmoderator.

Das Ressort nennt sich „Kultur & Leben“ und umfasst neben dem, was man einem Kulturressort normalerweise zuschlagen würde, auch Bereiche wie Gesundheit und Ernährung sowie, obwohl nicht ausgewiesen, den Bereich Medien. Der kurze Kultur-Kommentar auf der zweiten Seite des Blatts widmet sich selten einem kulturpolitischen Thema, meist dem TV-Programm des Vorabends. Wahrscheinlich holt man die LeserInnenschaft mit diesem Mix sogar ganz gut ab, nur sollte man das Ressort dann ehrlicherweise gleich mit einer regionaltypischen Kennzeichnung versehen und in „Kraut und Ruam“ umbennen.

Sopranistin und Wirtstochter

Beim Lesen mitunter erheiternd und in Summe niederschmetternd ist der trotz des breiten thematischen Spektrums sehr enge Horizont. Idealerweise sollte alles, worüber berichtet wird, ein bisschen zünftig sein oder zumindest Lokalkolorit aufweisen. Dass kürzlich die Sopranistin Manuela Dumfart ihren Abschied vom Brucknerhaus bekanntgab, wäre an sich wahrscheinlich noch nicht berichtenswert gewesen. Dass die Sängerin eine „Wirtstochter aus Lichtenberg“ ist, wie der Leser / die Leserin zum Einstieg des kurzen Artikels über sie informiert wird, dürfte den Ausschlag gegeben haben. So macht man einen Kulturteil, den die Leute im eigenen Bundesland gern durchblättern und vielleicht auch den einen oder anderen Artikel lesen. Über die Landesgrenzen hinaus interessiert das aber niemand.

Es gibt natürlich noch andere Printmedien. Die „Kronen Zeitung“ hat eine Oberösterreich-Ausgabe mit eigener Kulturseite, für die verdiente Menschen wie Norbert Trawöger schreiben. Ob es sich dafür lohnt, dieses Blatt in die Hand zu nehmen, muss jede und jeder für sich entscheiden. Ich tue es lieber nicht. Und das „Neue Volksblatt“, einst „Linzer Volksblatt“, existiert auch noch. Hier publizierten einst Marlen Haushofer und Thomas Bernhard sehr frühe Texte, inzwischen ist die im Besitz der ÖVP befindliche Zeitung aber in die publizistische Bedeutungslosigkeit abgerutscht.

Was einem kein oberösterreichisches Medium auch nur ansatzweise bietet, ist ein Überblick über aktuell breit diskutierte Themen, Bücher, Platten, Stücke, Ausstellungen. Nehmen wir die Literaturberichterstattung. Alle heiligen Zeit bespricht Christian Schacherreiter in den „Nachrichten“ einen aktuellen Roman aus Österreich. Am Wochenende findet sich im Magazinteil dazu noch eine Seite mit bunt zusammengewürfelten Buchvorstellungen, die dagegen den Eindruck hinterlässt, als hätte man nach dem Zufallsprinzip ein paar von Verlagen geschickte Rezensionsexemplare herausgegriffen und die Klappentexte leicht umgeschrieben. Die RedakteurInnen scheinen ähnlich hilflos vor der unübersichtlich gewordenen Menge an Neuerscheinungen zu stehen wie die ZeitungsleserInnen, denen sie einen Weg dadurch bahnen sollten.

Ich vertrete keinen abgehobenen Kulturjournalismus. Meine größte Freude ist es, wenn mich jemand anspricht und sagt, bei meinen Rezensionen oder Porträts bekomme man einen guten Eindruck von einem Buch oder der Persönlichkeit, die dahinter steht. Doch auch mit diesem letztlich serviceorientierten Kulturjournalismus komme ich mir in meinem Hoamatland schon wie ein elitärer Exot vor. Man merkt den Texten in oberösterreichischen Medien an, wie huschpfusch sie recherchiert und verfasst wurden und wie sehr alles im eigenen Saft köchelt.

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Es gibt in Oberösterreich auf der einen Seite eine Kulturberichterstattung, die sich weitgehend darauf beschränkt, das hiesige Kulturgeschehen eher oberflächlich abzubilden, auf der anderen – und das wäre eine eigene Geschichte – hochspezialisierte Nischenmedien wie „Versorgerin“ und „Die Referentin“. Nennenswert ist auch der “Kulturbericht OÖ”. Dazwischen liegt ein breiter Graben. Ein Kulturjournalismus, der sich an eine breitere LeserInnenschaft wendet und dieser auch Inhalte zumutet, ist mir leider noch nicht untergekommen.

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