Es ist wieder „in“, ein Arschloch zu sein

Fuck You!, die Publikation zum Projekt Verletzende Sprache der IG Kultur Österreich, gelesen von Christian Diabl.

Habt Ihr schon die neue Kolumne von Andi Wahl gelesen? Der entschuldigt sich in jeder Ausgabe der KUPFzeitung «eben» für etwas, nur um den Adressatinnen der Entschuldigung erst recht seine bitterböse Kritik reinzusemmeln. Was bei Wahl Satire ist, hat bei anderen System und keiner hat diese Methode der gezielten Nichtentschuldigung derart zur Blüte gebracht, wie einst Jörg Haider. Welche Mechanismen dahinterstecken und die sie begünstigende Medienlogik, beschreibt Olja Alvir – übrigens ebenfalls KUPFzeitungskolumnistin – in ihrem Beitrag für die Artikelsammlung «Fuck you! Verletzende Sprache angehen». Die Kunst der Nichtentschuldigung ist nur ein Beispiel dafür, wie Sprache als politisches Kampfmittel fungiert. Ein Jahr lang hat sich die IG Kultur in dem Projekt «Check the Facts – Mind the Gap» mit verletzender Sprache und möglichen Gegenstrategien auseinandergesetzt.
Entwickelt wurde unter anderem eine Toolbox mit speziellen Materialien, um Jugendliche zur Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt in der Sprache anzuregen. Den Abschluss des Projekts bildet diese schlanke Publikation, in der neben Olja Alvir auch die deutsche Rapperin Sookee schreibt und die Möglichkeiten queerfeministischer Gegenrede im Battle um Wörter aufzeigt. Die Grenzen des Diskutablen und die notwendigerweise damit einhergehende Einschränkung der persönlichen Freiheit, lotet Antje Schupp in ihrem Beitrag aus, während Johanna Illgner den mittlerweile bedeutendsten Kampfschauplatz analysiert: das Internet. Web 2.0 und Konsorten sind auch die wichtigste Veränderung zur Blütezeit Jörg Haiders, sie haben das Bierzelt in eine digitale 24/7-Bühne für Hass, Hetze, Neid und Schäbigkeit verwandelt. Es ist ganz einfach wieder «in», ein Arschloch zu sein, egal ob bei Rappern, FPÖ-Politikerinnen, Boulevardjournalistinnen oder den ganz «normalen» Leuten. Was früher hinter vorgehaltener Hand gesagt wurde, tippt sich heute wie von selbst unter die Facebook-Beiträge von HC Strache, Andreas Gabalier und anderer Irrlichter.
Was eigentlich längst ausverhandelt galt, wie geschlechtergerechte Sprache, scheint plötzlich wieder infrage gestellt. Die «Gutmenschen» verlieren kommunikatives Terrain und die Genese dieses Wortes als Schimpfwort und rechter Kampfbegriff, ist sichtbarstes Zeichen dafür. Was wir gerade erleben, ist ein unerwarteter konservativ- reaktionärer Backlash, der Sprache sowohl als lohnendes Kampfgebiet als auch kriegerisches Handwerkszeug sieht. Gerade deshalb kommen Projekt und Publikation der IG Kultur zur richtigen Zeit. Fuck you und auf in den Kampf!

Die Publikation gibt es übrigens auf der Website der IG Kultur frei zum Download.
igkultur.at

IG Kultur Österreich, Fuck You!
Verletzende Sprache. Über Kraftsprache im HipHop, Sprachpolizei, Meinetwegen entschuldig’ ich mich und Hass im Internet.
Sondernummer 2014.
 

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