Zwischen Neuland und Heimatverein

Die Debatte um Chancen und Risiken von Internet und digitaler Transformation wird oft auch als Generationenkonflikt geführt, ja inszeniert. Das Nachrichtenmagazin SPIEGEL widmete gleich eine ganze Titelstory den Gefahren jugendlicher Smartphone-Sucht. Im ZEIT Magazin hofft die Autorin in einem Text mit dem Titel „Entrückte Jugend“, dass diese später einmal „mit einem Schmunzeln auf die Verirrungen ihrer Jugendzeit zurückblicken können“. Eine Attitüde, die Spiegel-Online-Kolumnist Sascha Lobo wiederum als „maximale Generationen-Selbstgerechtigkeit“ bezeichnet.

Und auch wenn Angela Merkel mit ihrem Satz „das Internet ist für uns alle Neuland“ absolut Recht hatte, so fällt der Blick darauf durchaus unterschiedlich aus. Während die einen dieses Neuland und dessen neue (Frei-)Räume vor allem entdecken und erleben wollen, bemühen sich andere um Einhegung. Mit Valie Djordjevic habe ich erstere Gruppe einmal als „Generation Remix“ bezeichnet. Sie bedient sich, zum Beispiel für Memes oder YouTube-Videos, bei bestehenden Werken für digital-kreative Fortschöpfungen und stößt damit regelmäßig an die Grenzen eines restriktiven Urheberrechts. Wenn als Reaktion auf diese Verstöße, wie derzeit auf europäischer Ebene geplant, diese Grenzen durch verpflichtende Uploadfilter und Einschränkung der Verlinkungsfreiheit noch enger gezogen werden, dann ist damit eine Einhegung, wenn nicht gar Schließung kreativer Freiräume verbunden. Dass die neue digitale Remixkultur von einer anderen Generation getragen und gelebt wird, als jene Generation, die im EU-Parlament deren Einhegung vorantreibt, ist offensichtlich.

Genau deshalb ist die Idee Dirk von Gehlens, einen Heimatverein für das Internet zu gründen, so wichtig. Der Journalist und Suhrkamp-Autor („Mashup“) kämpft nicht nur mit Vorträgen wie „Lob des Smartphones“ gegen Generationen-Selbstgerechtigkeit an, er sammelt auch MitstreiterInnen für einen „Verein zur Heimat- und Brauchtumspflege im digitalen Raum“. Gemeinsam mit all jenen, „deren Heimat das Internet ist“, soll sich der ‚Heimatverein Internet‘ um digitale Volkskultur bemühen und deren Förderung einfordern. Es ist der Versuch, Generationen zu überbrücken. Dabei ist der Rückgriff auf ein traditionelles Format wie Brauchtumsvereine für „Schutz und Pflege“ digital-kultureller Räume selbst ein Hack, ein Remix. Wer dabei mitmachen möchte, kann sich unter folgendem Link für den Newsletter zum Projekt anmelden: https://dirkvongehlen.de/netz/heimatverein-internet

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