Jugend – eine Frage der Perspektive

„Die Jugend“, „Generation Y“, „Millennials“, „Junge Erwachsene“ und „Jugendliche“ werden sie genannt. Die Altersgruppen, die dafür definiert werden, reichen von 12 bis 35 Jahren und unterscheiden sich von Studie zu Studie. Nicht nur Wissenschafterinnen scheinen sich nicht einig darüber zu sein, wie genau über die jüngere Generation gesprochen werden soll und wo die Jugend anfängt oder aufhört. Kulturmanagerin Simone Seymer wirft einen erstaunten Blick auf angebliche Zeitgenossen.

Pragmatismus und Sicherheitsbedürfnis – Jugend heute

Ihr eilt ein gewisser Ruf voraus, der Jugend von heute: Eine irgendwie gefasste, pragmatische Generation scheint das zu sein, die sich an Sicherheit und Stabilität orientiert, freie Zeit für Familie und Hobbies fordert und trotz Bewusstsein der aktuellen politischen Umwälzungen und der erwarteten Folgen des demographischen Wandels genug Zuversicht mitbringt, wenn sie in die Zukunft blickt. Dabei vertrauen die Protagonistinnen weniger der Politik oder den Politikerinnen als vielmehr sich selbst und ihren eigenen Fähigkeiten, um das eigene Leben zu gestalten. Sie trinken weniger Alkohol als junge Generationen davor, leben gesünder, bewegen sich mehr – scheinen vernünftiger zu sein, angepasster. Natürlich wird dieser Pragmatismus von älteren Generationen argwöhnisch betrachtet: Was macht man mit Arbeitskräften, die man nur noch bedingt mit einem hohen Gehalt locken kann und die bereits im Vorstellungsgespräch nach flexiblen Arbeitszeiten und der Möglichkeit von Arbeit im Homeoffice fragen? Zu Unrecht werden sie des Öfteren mangelnden Engagements bezichtigt, sind doch knapp die Hälfte von ihnen in der Freiwilligenarbeit tätig; ein großer Teil der anderen Hälfte gibt laut Statistik Austria an, nicht gefragt worden zu sein (siehe Statistik Austria, 7. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich, 2016). Müssen wir sie anders ansprechen?

Digitale Lebenswelt und Jugendkultur

Und dann sind da noch die Medien! Diese Digital Natives, wie sie so schön heißen, stellen den größten Teil eben dieser jungen Generation. Sich im Prozess der Digitalisierung einzufinden, ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Digital Immigrants mussten und müssen sich mehr oder weniger mühsam darauf einstellen. Während die Pubertät früher ein auch äußerliches Aufbegehren Jugendlicher gegen ihre Eltern war, findet dort heute vermehrt ein Rückzug in den digitalen Lebensraum statt. Diana Weis schrieb unlängst in der ZEIT über die entrückte Jugend:

Reichte es früher noch aus, einmal in der Woche die Bravo zu lesen, um den jugendkulturellen Mainstream zu kennen und sich dann im Zweifel in eine Subkultur abzusetzen, kostet es heute ungleich mehr Anstrengung, überhaupt auf dem neuesten Stand zu sein. Der Druck, nicht den Anschluss an die immer neuen Schnörkel des Zeitgeschmacks zu verlieren, hat den Wunsch, irgendwie anders zu sein, weitgehend ausgeblendet. Mainstream ist das neue Cool […]

Jugend ohne Kultur? – Wir geben uns ja Mühe, aber…

Auch ohne dieses Wissen hat jede Kulturarbeiterin verstanden, dass es in der Tat einer intensiven Ansprache und attraktiver Angebote bedarf, um diese jungen Menschen zum Engagement in kulturellen Angeboten zu bewegen. Oft wird der Zugang über die Schule gesucht, über Jugendzentren und andere sozialpädagogische Angebote. Und natürlich ist es schwierig, ein attraktives Angebot zu machen, wenn man deren zu großen Teilen digitale Lebenswelten kaum oder nur ungenügend kennt. Viele etablierte Kulturschaffende gehörten früher wichtigen Jugendbewegungen an und sind (Mit-)Gründer namhafter Institutionen, wie z. B. des freien Radios Radiofabrik, des Rockhouse oder der Arge Kultur Salzburg. Diese Gründerinnen sind heute jedoch unleugbar erwachsen geworden, und mit ihnen ihre Institutionen, die als Orte der Auflehnung für junge Menschen nur bedingt taugen. Es macht sich eine gewisse Unsicherheit breit: Was machen wir falsch? Verstehen wir die Bedürfnisse der jungen Generation überhaupt (richtig)? Fast reflexhaft sieht man sich nach jüngeren Kollegen um, die einem die Jugend erklären oder zumindest als Mittelstelle und Ansprechpartnerinnen fungieren können.

Sprechen wir mit den Richtigen?

Der Ansatz, junge Menschen aller Altersgruppen in die Kulturorganisation und Kuration einzubinden, ist sicher ein richtiger und wichtiger. Es darf allerdings nicht übersehen werden, dass heute viele der als jung geltenden Kulturschaffenden, an die sich vielleicht Generationen 45+ in dieser Frage wenden, selbst bereits in den Dreißigern sind und damit oftmals mit Familie, fortgeschrittener Berufslaufbahn und anderen erwachsenen Aspekten der eigenen Lebenssituation nicht als Vertreterinnen der wirklich jungen Generation – zwischen 12 und 30 Jahren – funktionieren. Ganz einfach deshalb, weil auch sie diese Lebenswelten nicht (mehr) kennen.

Ein Kollege, bereits um die vierzig, mit Kindern und Familie, sagte zu mir neulich: „… und da sitze ich dann wieder auf einem Podium und vertrete die junge Generation Kulturschaffender – ich finde das nur noch peinlich!“. Und es ist nicht nur peinlich, es verfehlt ein Ziel: eine wirklich funktionierende Brücke zu den jungen Menschen unserer Gesellschaft zu bauen. Die etablierten jüngeren Kulturschaffenden, sagen wir jene zwischen 30 und 40 Jahren, können im Austausch zwischen den Generationen nur ein Pfeiler dieser Brücke sein. Vielleicht ist es explizit die Aufgabe dieser – auch meiner – Altersgruppe, den echten Austausch zu suchen mit der Generation, die uns 30- bis 40-Jährige sowieso schon längst für erwachsen hält. Wie oft passiert es mir, dass ich jungen Menschen um die zwanzig fröhlich und selbstverständlich das du antrage – und hartnäckig zurück-gesiezt werde. In solchen Momenten komme ich mir nicht nur erwachsen, sondern vor allem sehr, sehr alt vor!

Unlängst war ich Teilnehmerin eines Workshops, der von einer 17-jährigen Poetry-Slammerin gehalten wurde. Nicht nur, dass sie mit ihrem erwachsenen- und gesellschaftskritischen Text über Fassadenmenschen an einen wunden Punkt auch meiner Welt rührte – sie legte auch eine beachtliche Expertise und ein souveränes Auftreten sondergleichen an den Tag. Und der Schrecken war groß, als sie uns Workshopteilnehmer fragte: „Was glaubt ihr, welche Themen interessieren uns Jugendliche?“ Es machte sich eine betretene Stille breit. „Wow. Schwierige Frage…“ rutschte es mir heraus. Entsetzt sah mich meine Tischnachbarin an, vielleicht 20 oder 30 Jahre älter als ich, und fragte: „Was soll ich denn sagen?!“.

Nach den ersten ungelenken Versuchen der Themensuche – Liebe wurde natürlich so ziemlich als erstes genannt – bemerkte die Workshopleiterin: „Ja, sicher beschäftigen wir uns auch mit Themen wie Liebe. Wir beschäftigen uns aber auch, und zwar intensiv, mit ganz anderen Themen: Politik, Zukunft, Gesellschaft, Umwelt oder Chancengleichheit.“ Mit anderen Worten: Ihr traut uns nicht genug zu. Wir haben unsere Themen, und es sind teilweise dieselben wie eure. Müssen wir einfach nur viel intensiver ins Gespräch kommen und diese junge Generation als Gesprächspartnerin auf Augenhöhe endlich respektieren?

 

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Dieser Text verwendet abwechselnd das generische Femininum und das generische Maskulinum, die willkürlich über den Text verteilt sind.

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