Unerwünschte NachbarInnen

Lokale Konflikte um Zuwanderung aus Südosteuropa, gelesen von Christian Diabl.

Plötzlich waren sie da. Mitten in der beschaulichen Grunewaldstraße im Berliner Stadtteil Schöneberg zogen nach und nach ZuwanderInnen aus Südosteuropa in einen heruntergekommenen und eigentlich unbewohnbaren Gründerzeitbau. Am Ende lebten dort 200 Menschen, die – ohne gefragt zu werden – schnell als Roma identifiziert und stigmatisiert wurden. Ihr Auftauchen bzw. die Reaktion darauf führte zu einer nervenaufreibenden und facettenreichen Auseinandersetzung, die exemplarisch für viele Wohnraumkonflikte im Kontext sogenannter «Problemhäuser» steht und unterschiedliche AkteurInnen auf den Plan rief – von der eilig gegründeten AnwohnerInneninitiative, der überforderten Bezirksverwaltung, Polizei und Medien bis hin zu einer NGO, die als Sprachrohr der Neuankömmlinge fungierte. Rechte Rabauken waren nicht am Werk, sondern durchaus bedacht agierende Mittelschichts­Bobos, deren Wut sich vor allem gegen den Hauseigentümer richtete, der den BewohnerInnen gesalzene Mieten abknöpfte. Geholfen hat das alles nicht, denn der Konflikt war erst beendet, als die BewohnerInnen wieder ausgezogen waren. Von vielen weiß man nicht, wohin sie das Leben verschlagen hat, lediglich eine Handvoll konnte temporär in städtischen Übergangswohnungen unterkommen.

Die vorliegende Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung analysiert in fünf Fallbeispielen lokale Konflikte in Zusammenhang mit Zuwanderung aus Südosteuropa. Auffallend ist dabei die Verschränkung mit latent schwelenden Konfliktlagen. So werden die spezifischen Herausforderungen der Armutszuwanderung mit alten Konfliktfeldern wie Migration, Armut, Prostitution, Arbeitsstrich und ähnlichem vermischt. Die Aufregung vergangener Jahre lässt sich so rasch reaktivieren und erschwert dadurch eine Einhegung und Auflösung neuer Konfliktfelder. Hinzu kommt, dass die Betroffenen selbst kaum als AkteurInnen wahrgenommen werden. Es wird über sie geredet, gestritten und geurteilt, mit ihnen gesprochen aber nur selten. Die Dynamiken dieser Konflikte sind das Thema des Buches, konkrete Lösungsansätze haben die AutorInnen nicht zu bieten. Vielmehr zeigt sich, dass es zu einem mühsamen und kleinteiligen Weg in der Konfliktbewältigung keine Alternative gibt. Aus österreichischer Sicht muss man neidlos anerkennen, dass zumindest die Debatte darüber in Deutschland auf einem deutlich höheren Niveau abläuft als bei uns, wo Armutszuwanderung vor allem als Bedrohung wahrgenommen wird und sich die verantwortlichen PolitikerInnen einer sachlichen Diskussion schlicht verweigern. Der Umgang der Stadt Linz mit Armutsreisenden ist dafür der traurige Beweis.

Lars Geiges, Tobias Neef, Julia Kopp, Robert Mueller-Stahl: Lokale Konflikte um Zuwanderung aus Südosteuropa. „Roma“ zwischen Anerkennung und Ausgrenzung. Transcript, Mai 2017. ISBN 978-3-8376-3884-4

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