Zwischen Herzensangelegenheit und Prekariat

Was in Ballungszentren als Normalität gilt, ist in ländlichen Regionen alles andere als selbstverständlich. Nach vielen Jahren des Bestehens, gibt es seit 1. Jänner 2019 in St. Johann im Pongau mit Friedl Göschel einen unbefristet Angestellten für Kulturarbeit. Wie kam es dazu?

Der Verein kultur:plattform in St. Johann/Pongau ist einzigartig in der Region: Der Fokus liegt auf beteiligungsorientierten Formaten und Dialogveranstaltungen, „wo man mitreden kann“. Das Programm umfasst zeitgenössische Musik, Literatur, bildende Kunst und Tanz sowie selbst produziertes Kulturprogramm für Kinder.

Erste Bemühungen
Bereits seit 2010 bemüht sich die kultur:plattform St. Johann um die Besetzung einer fixen Stelle. Ähnlich dem Kulturentwicklungsplan für das Land Salzburg gibt es seit 2005 ein Kulturleitbild für St. Johann. Hundert Menschen aus dem Kulturbereich der Gemeinde arbeiteten daran mit – in Workshops, Seminaren und Gesprächen. Das Kulturleitbild legte den Grundstein für die kultur:plattform St. Johann, als mittelfristiges Ziel wurde darin auch die Notwendigkeit eines/einer angestellten KulturarbeiterIn festgelegt. Grundsätzlich stand die Gemeinde immer hinter der Kulturinitiative, betont Friedl Göschel:
„Ohne die Unterstützung der Gemeinde gäbe es unseren Verein nicht. Uns wurden Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, wir erhalten Programmförderungen und Unterstützung beim Bewerben der Veranstaltungen. Aber zu einer Fixstelle im Verein wollte sich die Gemeine nie deutlich äußern.“

Unterstützung durch den Dachverband
Neben der vereins- und gemeindeinternen Zusammenarbeit wird in St. Johann mit dem Dachverband Salzburger Kulturstätten kooperiert. Dieser ist als Netzwerk und kulturpolitische Interessenvertretung der freien, autonomen Szene aktiv und setzt sich unter anderem für die strukturelle Absicherung von Kulturinitiativen und die soziale Absicherung von KulturarbeiterInnen ein. So zeigte der Dachverband gemeinsam mit den Mitgliedern der kultur:plattform St. Johann immer wieder das Potential der Kulturinitiative auf. Ihr umfassendes Programm, die regionalen Kooperationen und das persönliche Engagement sind ein Gewinn für die Region. Ohne finanzielle Unterstützung oder Förderungen kann kulturpolitisches Engagement schnell zur privaten Belastung werden. Kooperationen und Solidarität motivieren, dranzubleiben. Gemeinsam zeigten Dachverband und kultur:plattform St. Johann die Notwendigkeit von bezahlter Kulturarbeit auf. Friedl Göschel zu dieser Zusammenarbeit:
„Wir haben uns schon um die Stelle bemüht als wir noch gar nicht Mitglied im Dachverband waren. Als es konkret wurde, war der Dachverband immer dabei und unterstützte uns. Seine Präsenz war ein wichtiges Instrument, auch um den Draht zu den für unser Anliegen wichtigen Stellen zu bekommen. Ohne den Dachverband wären wir nicht so weit gekommen.“

Lichtblicke
Die Zeit verging. Jahr für Jahr zeigte man sich zuversichtlich, die Ressourcen für eine finanzierte Stelle in St. Johann doch bewilligt zu bekommen. 2017 gab es erste Lichtblicke: Das Land Salzburg stellte Förderungen in Aussicht, sofern die Gemeinde bereit war, die Stelle mitzufinanzieren. Friedl Göschel legte Pläne für den Verein vor und erarbeitete neue Konzepte, parallel zum ohnehin dichten Programm. Ein weiteres Jahr war geprägt von Terminen mit der Gemeinde, von Besprechungen und Präsentationen – aber ohne Erfolg. Es war eine zermürbende Zeit, erinnert sich Friedl Göschel:
„Es ist uns von der Gemeinde nie richtig ins Gesicht gesagt worden: Das machen wir nicht. Nach diesem Jahr war mir auch klar, das ist jetzt erledigt.“

Zahltag
Im Vorfeld der Salzburger Landtagswahlen 2018 stellte der Dachverband konkrete Forderungen für den Kulturbereich. Ganz oben auf der Liste: mehr Personal für die freie Kulturarbeit, vor allem in den Landgemeinden. Etwa zur gleichen Zeit wurde die Stärkung der Kulturarbeit in ländlichen Regionen im Kulturentwicklungsplan für das Land Salzburg festgelegt. Der Inititiator des Kulturentwicklungsplans, Landeskulturrat Heinrich Schellhorn, griff damit direkt die vom Dachverband formulierte Forderung auf. Nach den Landtagswahlen 2018 gingen Friedl Göschel, die kultur:plattform St. Johann und der Dachverband ein letztes Mal in die Offensive. Und plötzlich lohnte sich der lange Kampf: Auf Landesebene wurde eine 30-Stunden-Stelle für die kultur:plattform St. Johann beschlossen. Freude aber auch Erleichterung stellten sich ein. Friedl Göschel resümiert:
„Es ist ein großartiges Gefühl, sich seinen Job selbst geschaffen und erarbeitet zu haben. Gut, dass es funktioniert hat. Noch etwas länger und die Belastung einer dauerhaften, ehrenamtlichen Arbeit hätte Schäden hinterlassen – im Verein, wie auch im Privaten. Wir mussten gemeinsam darum kämpfen. Am Ende hat es sich gelohnt.“

Regionale Kulturarbeit
Die kultur:plattform St. Johann ist ein Erfolgsbeispiel, das zeigt, was der standhafte, gemeinsame Einsatz der Kulturarbeitenden, des Dachverbands und den kulturpolitischen Entscheidungsträger für eine regionale Szene bewirken kann: die konkrete Verankerung und Umsetzung von demokratisch erarbeiten Ziele und Visionen im Kulturbereich. So wird Kulturarbeit geschaffen, die geprägt ist von fruchtbaren Kooperationen, selbstverständlicher Solidarität und sozialer Sicherheit. Und damit hat Friedl Göschel viel vor:
„Die Szene muss sich gegenseitig beim Wachsen unterstützen. Wir möchten den Leuten etwas bieten, einerseits Programm, andererseits eine Bühne, auf der sie selbst Kultur gestalten können. Denen, die in der Region bleiben möchten, hier leben und arbeiten wollen, soll die Möglichkeiten dazu geboten werden. Und wenn man es schafft, dass nur ein oder zwei Leute dableiben, hat man schon gewonnen.“


St. Johann im Pongau ist Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks im Bundesland Salzburg und hat mit rund 10.000 EinwohnerInnen die meisten im Bezirk. Seit Jänner 2019 ist Friedl Göschel erster hauptamtlicher Kulturarbeiter der kultur:plattform St.Johann – diese Anstellung ist eine Maßnahme des Salzburger Kulturentwicklungsplans. Friedl Göschel ermöglicht mit circa 30 ehrenamtlichen HelferInnen rund 55 Veranstaltungen im Jahr. Gemeinsam sind sie um die weitere Professionalisierung und den Ausbau der zeitgenössischen Kultur in St.Johann und der Region bemüht.

Für das Bundesland Salzburg gibt es einen Kulturentwicklungsplan. Dieser landesweit, angelegte BürgerInnenbeteiligungsprozess wurde vom Land Salzburg in Auftrag gegeben um durch partizipative Workshops die regionalen Bedarfe und Interessen für die Kunst- und Kulturszene herauszuarbeiten und daraus für die nächsten zehn Jahre eine Richtschnur für die Politik und Kulturverwaltung zu entwickeln. Die Bilanz: 600 Menschen haben daran teilgenommen, ein 56 Seiten starkes Papier mit 77 Maßnahmen ist entstanden

-> salzburg.gv.at

Die KUPFzeitung hat darüber berichtet:

-> kupf.at/zeitung/166

Die Interessenvertretung Dachverband Salzburger Kulturstätten unterstützt KulturarbeiterInnen in allen Regionen Salzburg und ist darum bemüht, professionelle Strukturen aufzubauen. Ziel wäre etwa, in jeder Region Koordinationsstellen zu schaffen.

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