Lasst uns doch entscheiden!

Aliette Dörflinger über Entscheidungen und andere Zwischenmenschlichkeiten

Das Thema Entscheidungsprozesse ist sehr komplex. So viele Menschen, Gesellschaften und DenkerInnen setzen sich seit Jahrtausenden damit auseinander. Entscheidungen treffen zu können ist an sich etwas sehr positives: ein alltäglicher „Motor“, um unser selbstbestimmtes Tun zu leiten und die Rahmenbedingungen, in denen wir leben, zu gestalten. Im Falle einer Wahl bedeutet die Entscheidung, sich etwas zuzuwenden und sich von etwas anderem wegzuwenden. Aber wenn ich keine Entscheidung treffe, ist dies auch eine Entscheidung. Am Ende des Tages ist die Entscheidung Ausdruck unseres Willens. Und sie kann Auslöser für Veränderung sein.

Richtig entscheiden – eine richtige Entscheidung?

Ich habe in meinem Umfeld nachgefragt: Wie treffe ich auf persönlicher Ebene eine Entscheidung richtig? Was ist eine richtige Entscheidung? Viele Antworten gingen in folgende Richtung: Nachdem ein Zusammentragen aller relevanten Informationen stattgefunden hat, entscheidet letztendlich der Bauch! Die Intuition, die unser kognitives Denken und unsere Emotionen zusammenführt, scheint für viele die wichtigste Orientierungshilfe zu sein. Ob die Entscheidung richtig ist, zeigt sich dann erst im Nachhinein. Weitere Parameter bei der Entscheidungsfindung sind: Was ist die Auswirkung meiner Entscheidung? Betrifft sie nur mich oder viele andere? Muss ich schnell entscheiden oder habe ich Zeit dafür? Auch wenn die Bedingungen ähnlich sind, kann es wohl sein, dass unterschiedliche Menschen anders entscheiden.

Entscheidungsprozesse in Kulturvereinen

Eine Entscheidung für sich zu treffen ist das eine, aber wie funktioniert es im Gruppensetting? Wer redet aller mit? In Entscheidungsprozessen in Kulturvereinen sind immer Menschen im Spiel, die Engagement für die Sache zeigen, und es besteht in vielen Fällen der Anspruch, „gemeinsam“ zu entscheiden. Grundverantwortlichkeiten, wie z. B. der Vorstand, sind in der juristischen Struktur des Vereins festgehalten. Aber die weiteren Strukturen des Miteinanders (wann und wie sich das Team trifft, wie die Gesprächs- und Streitkultur ist) und die Gestaltung der Entscheidungsprozesse sind nicht vorgegeben. Hier hat jeder Verein und jede Gruppe die Wahl.

Wie wird eine Entscheidung ausverhandelt, getroffen und umgesetzt? Was sind die Strukturen und Haltungen, die einen guten Entscheidungsprozess ermöglichen und Entscheidungsfähigkeit sicherstellen? An welchen Idealen oder Kriterien orientiert sich ein „guter Entscheidungsprozess“? Viele Fragen werden durch dieses Thema aufgeworfen und es gibt wohl keine eindeutigen Antworten. Die Gestaltung von Entscheidungsprozessen steht dabei im Zusammenhang mit Idealen und Werten, die von den Mitgliedern des Vereins getragen werden. Aus demokratiepolitischer Sicht haben Kulturvereine eine wichtige Funktion – sie sind eine „freie Struktur“ und verfolgen oftmals einen inklusiven Ansatz, in der neue Formen des Miteinanders ausprobiert werden können.

Ein möglicher Weg: partizipative Entscheidungsprozesse

Beim Ansatz von partizipativen Entscheidungsprozessen steht die Annahme im Raum, dass die Nutzung der kollektiven Weisheit der Gruppe zu einer besseren Entscheidung führen kann. Daher sollte es den Beteiligten ermöglicht werden, einen Beitrag im Rahmen von Entscheidungsprozessen zu leisten. Partizipative Entscheidungsprozesse können sehr unterschiedlich gestaltet werden, sie sollten aber nicht mit „Basisdemokratie“ gleichgesetzt werden. Es geht nicht gezwungenermaßen darum, dass jede Stimme gleich gehört wird – es sollte aber jede Stimme, die einen Beitrag leisten will, hörbar sein. Solche Prozesse verlangen einiges an Vorbereitung und gutem Prozessverständnis. Erfolgreiche partizipative Entscheidungsfindung gelingt durch einen gut strukturierten Prozess mit klaren Spielregeln des Miteinanders. Im Prozess kann zwar eine gewisse Ergebnisoffenheit bestehen, aber der Zweck/das Ziel des Prozesses, die Zuständigkeiten/Verantwortlichkeiten der Personen und die Rahmenbedingungen müssen vorab definiert werden. Im Laufe des Prozesses können sie bei Bedarf angepasst werden, aber es ist wichtig, dass all diejenigen, die sich auf den Prozess einlassen, von Anfang an wissen, worauf sie sich einlassen. Die Prozesse können z. B. konsens- oder konsentorientiert sein (siehe das Beispiel Verein Raumschiff zur Anwendung von Soziokratie, Seite 11). Es gibt aber nichts Frustrierenderes als einen partizipativen Prozess, bei dem am Ende des Tages die Gespräche und die Ergebnisse nicht ernst genommen werden und somit keine Implementierung der Ergebnisse/Projekte/Maßnahmen erfolgt. Es muss nicht, es kann partizipativ sein – aber dann bitte ernsthaft. Ansonsten ist die Wahl eines anderen Weges zielführender.

Wichtige Grundsätze

Im Kontext von Organisationen und Gruppenprozessen spiegeln sich die Werte im Verständnis von Führung sowie in der Steuerung von Themen, Menschen, Prozessen wieder. Werden Entscheidungen alleine von der Leitung getroffen oder haben die Mitglieder der Organisation ein hohes Mitspracherecht? Zwischen diesen zwei Polen gibt es viele weitere Möglichkeiten der Gestaltung des Entscheidungsprozesses und der Ausübung von Leitung. Die Leitung kann allen zuhören und anschließend trotzdem alleine entscheiden. Es gilt, situationsbedingt zu überprüfen, wie der Entscheidungsprozess am sinnvollsten zu gestalten ist und klar vor Augen zu haben, welche Art von Entscheidung ansteht. Manche Entscheidungen brauchen eine gewisse Effizienz und müssen schnell getroffen werden, andere brauchen wiederum mehrere Reflexionsschleifen.

Die Leitung kann an einer bestimmten Person oder an einem Kernteam festgemacht werden, aber sie kann wohl auch partizipativ verstanden werden. Die Entscheidungsbefugnis der einzelnen Beteiligten und Gremien sollte explizit und transparent sein. Manche Personen/Gremien können z. B. eine beratende Funktion haben, andere bereiten eine Entscheidung (inhaltlich) vor und dritte sind dann tatsächlich die Person/en, die entscheiden und die Verantwortung dafür tragen. Die Standpunkte und Gründe für eine Entscheidung müssen allen Beteiligten klar dargelegt und kommuniziert werden. Zur Frage „wer am Ende des Tages warum entscheidet“ entstehen dadurch Transparenz und Nachvollziehbarkeit im Prozess und in der Organisation. Diese trägt zur Klarheit aller Gruppenmitglieder bei und ermöglicht eine gute und hoffentlich auch freudvolle Zusammenarbeit!

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