Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht

Berthold Seliger ist Verfechter einer höchst skurrilen, weil unzeitgemäßen Idee. Der Idee nämlich, dass es im Musikbetrieb in erster Linie um Musik gehen sollte – und nicht um den Betrieb. Und diese Idee verficht er als einer, der selbst (noch) Teil des Betriebes ist: Der Konzertagent und Tourveranstalter hat in den letzten 25 Jahren u.a. mit Acts wie Patti Smith, Calexico oder Lambchop gearbeitet.

Mit seiner eigenen Zunft, aber auch mit den übrigen Playern (z.B. Plattenfirmen, Ticketing-Konzernen, Verwertungsgesellschaften, Sponsor*Innen, der Journaille und der Kulturpolitik) geht Seliger hart ins Gericht. Erstens verstellen deren monströse Kapitalismen den kulturellen Gehalt, der immer schon über bloße Verwertungslogik hinausweist. Musik bereichert schlicht und einfach – auch und zuerst jenseits des Blingblings. Normiertes Massenfutter ausgenommen. Zweitens wird der generierte Profit ungerecht verteilt – fast immer zu Ungunsten von Künstler*Innen und Hörer*Innen. Seliger setzt sich für faire Zirkulationen, das Aufbrechen von Monopolen und die Bekämpfung von Kartellwesen ein. Das aktuelle Urheberrecht ist theoretisch überholt, blockiert die künstlerische Praxis und dient auch finanziell nicht den Schaffenden, sondern bloß den Verwertenden. Außerdem fordert Seliger Mindestgagen, eine funktionierende Künstlersozialkasse und befürwortet das bedingungslose Grundeinkommen. Vor allem junge Musiker*Innen und solche, die progressive Nischenklänge ins Werk setzen, sollen besser abgesichert werden. Doch nebst der umfassenden Systemkritik, wendet sich Seliger auch an die Künstler*Innen selbst und legt diesen Selbstermächtigung nahe. Im digitalen Zeitalter sind z.B. viele Business-Strukturen obsolet geworden, abschröpfende Mittelsmenschen können leichter umgangen werden. In erster Linie beeindrucken an diesem Buch die entlarvenden Insiderkenntnisse, harte Fakten und erschreckende Zahlen. Doch Seliger flankiert seine Ausführungen zudem mit theoretischen Positionen, von Montaigne über Foucault bis Byung-Chul Han. Die Frankfurter Schule wird da freilich auch nicht geschwänzt: «Fun ist ein Stahlbad.» Immer noch. Berthold Seliger ist Verfechter einer höchst skurrilen, weil unzeitgemäßen Idee. Aber wer gemäß unserer Zeit denkt, erklärt sich mit ihr einverstanden. Und das hat unsere Zeit nun wirklich nicht verdient.

 

Berthold Seliger stellt sein Buch Anfang 2014 auch in Österreich vor:

24.1. Kino Ebensee / 25.1. Schl8thof Wels / 26.1. Rhiz Wien

 

Berthold Seliger : Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht . Edition Tiamat , Reihe Critica Diabolis , Berlin 2013. ISBN: 978-3- 89320-180-8

 

 

Jetzt teilen