Hinter der Leere die Freiheit

In Pettenbach wurden diesen Oktober die BürgerInnen befragt, ob sie gerne ein Einkaufszentrum am Ortsrand haben möchten oder nicht. Wie sich solche Einkaufszentren manifestieren, kann man sich fast überall im Land ansehen: ein Kreisverkehr an der Umfahrungsstraße, ein riesiger Parkplatz und ein paar unförmige Kästen mit bekannten Markennamen auf dem Dach.

Am Eingang zum Almtal gelegen, fahren an Pettenbach eine Menge potentieller EinkäuferInnen mit ihren Autos vorbei, was das Argument der BefürworterInnen stützt, das Einkaufszentrum ziehe Kaufkraft an und damit auch Kommunaleinnahmen. Mindestens genauso richtig liegen jedoch auch die GegnerInnen: Solche Kfz-gebundenen Strukturen schwächen die Ortsmitte und treiben dort kleine Gewerbetreibende in den Ruin.

In weiterer Folge bleiben erfahrungsgemäß in den Ortskernen Leerstände übrig. Geschäftslokale stehen leer, Schaufenster werden mit Sperrholzplatten verschlossen und an den Eingängen macht sich stechender Geruch nach Urin breit. Insgesamt ist eine Ansammlung solcher Leerstände nicht besonders ansehnlich. Es gibt sie aber in zunehmendem Ausmaß – gerade auch in den Dörfern und Kleinstädten am Land. Was kann man tun? Im Mühlviertel werden unter dem Projekttitel «Schaufenster Kernland» seit 2011 ungenutzte Auslagen für KünstlerInnen zur Verfügung gestellt und mit wechselnden Installationen ausgestattet. Die Absicht dahinter ist klar: Der Öffentlichkeit sollen sich beim Spazieren in der Freistädter Altstadt oder beim Wandern durch die Dörfer des Thurytals nicht Spinnweben und Lurch einprägen, sondern das Bild einer lebensfrohen und aktiven Gesellschaft. Augenauswischerei, könnte behauptet werden, durch solche Initiativen würde sich an der faktischen Situation nichts Wesentliches ändern. Egal was getan wird, es ist auf jeden Fall besser als fatalistisch zu sein und nichts zu tun. Denn hinter leeren Schaufenstern verstecken sich oft Möglichkeitsräume: Platz für Nutzungen, die keinen monetären Gewinn bringen und deren wirtschaftliche Bedeutung (noch) nicht erkennbar ist, die aber trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen wichtig sind. Der Knackpunkt, an dem solche Nutzungen oft scheitern, ist das Geld, denn ein Budget für marktübliche Mieten ist dabei selten vorhanden. Hier wäre es an der Zeit, die Erwartungshaltung der EigentümerInnen zu hinterfragen.

Wie realistisch ist es, bei schrumpfenden Strukturen und sinkender Nachfrage gleichbleibende Rendite aus einer Immobilie zu erwirtschaften? Unwahrscheinlich – it’s the economy, stupid! Ergeben aber kulturelle (Zwischen-)Nutzungen vielleicht nichtmonetäre Gewinne, die auch den EigentümerInnen nutzen? Durchaus möglich. Auch wenn es selten die Absicht von Kunst- und Kulturschaffenden ist, eine Straße oder eine Liegenschaft aufzuwerten, passiert das oft ganz nebenbei. Im Fachdiskurs wird dieses Phänomen (Gentrifizierung) gerne mal zum Schreckgespenst stilisiert. Zu oft schon wurden heruntergekommene Quartiere durch gezielte Maßnahmen «aufgewertet», ­wodurch sich in weiterer Folge die angestammte Bevölkerung die steigenden Mieten nicht mehr leisten konnte. Bekannt sind diese Fallstricke allerdings nur aus Großstädten wie London oder New York und vielleicht noch Wien. Freistadt, Pettenbach und Co sind allein schon durch ihre begrenzte Größe und fehlende Nachfrage gefeit.

Die Zustimmung der EigentümerInnen, vormals gewinnbringende Räume für weniger zahlungskräftige Akteure, etwa für Pioniernutzungen bereitzustellen, scheitert oft an der vermeintlichen Rechtsunsicherheit. Abgesehen vom klassischen Mietvertrag gibt es zwei bewährte Konzepte. Einerseits bieten sich Staffelmieten für Nutzungen, welche auf Wachstum und Entwicklung ausgelegt sind, an. In Gründerzentren gerne angewandt setzt dieses Werkzeug darauf, potentiell langfristigen MieterInnen mit geringem Startbudget den Einstieg zu erleichtern. Für Zwischennutzungen empfiehlt sich hingegen die Form des Präkariatsvertrags.

Zurück nach Pettenbach. Bei der Befragung sprachen sich beinahe 79 Prozent der Wählenden «für die Errichtung einer Lagerhausfiliale mit T ankstelle, eines Lebensmittel- und Drogeriemart tes sowie anderer Fachmärkte an der Umfahrung» aus. Eine überwältigende Mehrheit, die sich wohl auch einer schlagkräftigen Koalition aus Politik (Bürgermeister) und Wirtschaft (Lagerhaus-Raiffeisen) verdankt. Welche realen Auswirkungen dieses Votum für die notwendige Änderung im Flächenwidmungsplan hat, liegt nun beim Gemeinderat und in Folge bei der zuständigen Landesbehörde.

In der Gemeinde Attersee am Attersee fand und findet eine Diskussion über Strukturwandel statt, aber unter anderen Voraussetzungen. Die Frage lautet hier nicht, ob Attersee ein Einkaufszentrum am Ortsrand braucht oder nicht, sondern unter anderem wie der Ort damit umgehen soll, dass wegen der Konkurrenz an den Zubringerstraßen kaum mehr ein Geschäft im Zentrum wirtschaftlich zu führen ist. Mit der Folge, dass das öffentliche Leben verödet. Die «Initiative Attersee» beschäftigt sich seit einigen Jahren mit solchen Problemen und agiert mit unterschiedlichen Formaten von Konzerten über Kunstausstellungen in Schaufenstern bis zu öffentlichen Diskussionsveranstaltungen. Im Jahr 2011 beispielsweise nahm Viktor Sigl, mittlerweile Präsident des Oberösterreichischen Landtags, an einer Podiumsdiskussion unter dem Titel «Ortszentren und ihre Bedeutung für die Gesellschaft» teil. Es herrschte Einigkeit darüber, dass Fehler vergangener Jahre (wie die Flächenwidmung zugunsten von Einkaufszentren am Ortsrand oder an Autobahnabfahrten) nicht wiederholt werden dürfen, weil dadurch die Schwächen von Landgemeinden nur noch verstärkt würden. Vielleicht dringt diese Botschaft über den Landtagspräsidenten ja zu den zuständigen VerantwortungsträgerInnen durch, vielleicht wäre es für die Pettenbacher Bevölkerung auch interessant gewesen, einmal in Attersee am Attersee nachzufragen. Weit liegen diese beiden Gemeinden ja nicht auseinander – eine halbe Autostunde; mit öffentlichen Verkehrsmitteln sollte man allerdings mindestens 2,5 Stunden einrechnen.

Struktureller Wandel in ländlichen Regionen hat viele Einflussgrößen und zahlreiche, zumeist negative Gesichter. Geschäftslokale im Ortskern stehen leer, der Greißler sperrt zu, weil das Wirtshaus als wichtigster Kunde keinen neuen Pächter findet, der Schulbus in die Nachbargemeinde wird zur einzigen öffentlichen Verkehrsverbindung und der neue Kreisverkehr stellt sich schlussendlich doch nicht als Wunderheilmittel heraus. Ökonomische Schlagwörter wie Wachstum, Frequenz und Kaufkraft dominieren diese Debatte und vielleicht liegt hier auch der Kern des Problems. Verhungern muss nämlich niemand, nur weil das nächste Lebensmittelgeschäft zu Fuß nicht mehr erreichbar ist, aber kulturelles Kapital, das am Kirchenplatz und im letzten Kaffeehaus verloren geht, wird nicht wie die Kaufkraft an den Parkplatz vor dem Einkaufszentrum abfließen. Das öffentliche Leben wird einfach versickern und nicht wieder auftauchen.

 

Glossar:

Gentrifizierung: (gezielte) Aufwertung von räumlichen Entitäten (Straßenzüge, Wohnviertel, …) durch gezielte künstlerische und kulturelle Maßnahmen mit dem Ergebnis gesteigerter Wertschöpfung für die EigentümerInnen. Gentrifizierung kann aber auch durch Infrastrukturmaßnahmen wie etwa den Bau einer U-Bahnstation oder eines Theaters ausgelöst werden.

Zwischennutzungen: zeitlich be grenzte Nutzung (z.B. Ausstellungen, nomadisierende NutzerInnen)

Pioniernutzungen: oft experimentelle Nutzungen mit hohem kreativen und integrativem Potential sowie ungewisser Entwicklung

Staffelmiete: über einen festgelegten Zeitraum (z.B. 3 Jahre) wird periodisch (z.B. jährlich) die Miete bis auf marktübliches Niveau gesteigert

Präkariatsvertrag: auch Bitt-Leih- Vertrag genannt, ausserhalb des Mietrechtes dürfen keine Mieten verrechnet werden, sondern nur laufende Betriebskosten. Die Vergebührung entfällt und die Haftung kann auf die NutzerInnen übertragen werden. Kündigungsfristen und Laufdauer können frei festgelegt werden. Leerstandskosten werden dadurch gedämpft. Vertrags-Vorlage auf Anfrage unter: office@fruchtgenuss.org

 

 

 

 

Programmhinweis Theorie im Keller #8 mit Kerstin Faber: Raumpioniere in ländlichen

Regionen am 26.3.2014 um 19:00 im afo architekturforum oberösterreich

www.afo.at

 

www.fruchtgenuss.org

www.schaufenster-kernland.at

www.perspektiven-attersee.at

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