Frauentag, wie lange denn noch?

Fragt Daniela Fürst

 

Am 19. März 1911 begingen politisch gleich gesinnte Frauen in Deutschland, Dänemark, Österreich-Ungarn und der Schweiz erstmals den Frauentag um, nach Vorbild der sozialistischen Amerikanerinnen, auf ihre Forderungen nach Gleichstellung lautstark aufmerksam zu machen. 2011, 100 Jahre später, begehen wir den Frauentag immer noch. Eine 100-jährige Geschichte, die letzten Endes doch nur eine ständige Wiederholung ist?

Man könnte am 100. Geburtstag des Frauentages schon fast von einer Tradition sprechen. Aber mit den Traditionen ist es so eine Sache. Werden sie doch meistens unreflektiert weitergeführt, obwohl ihre Sinnstiftung über die Jahre obsolet geworden ist. Was den Frauentag betrifft, so liegt seine „Tradition“ wohl eher gerade in seinem Inhalt, und das ist eigentlich das Traurige daran. Im Zuge des ersten Internationalen Frauentages ging es unter anderem um die Forderung des allgemeinen Wahlrechts für Frauen. Das haben wir nun zumindest in den westlichen Ländern erreicht. Andere Forderungen von damals hingegen könnte man mittlerweile durchaus schon als „traditionell“ bezeichnen. So ist etwa die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Frauen und Männern, wie auch die Entlohnung in gleichen Beschäftigungsfeldern immer noch alles andere als gerecht. Diskriminierende Zustände, die sich über die Jahre nicht nur weitertradiert haben, sondern in den vergangenen Jahrzehnten durch veränderte soziale Verhältnisse und zunehmender Unabhängigkeit und Individualisierung der Frauen noch schwerwiegender geworden sind. Außerdem haben sich in den letzten Jahren einige der bereits erreichten Ziele, wie die paritätische Verantwortungsund Aufgabenverteilung in öffentlichen und gemeinnützigen Organisationen, heimlich, still und leise wieder an die alten patriarchalen Muster angeglichen, während oberflächlich immer noch eine geschlechtergerechte Rhetorik herrscht. Es scheint in Sachen Gleichstellung und frauengerechter Politik wieder einmal rückwärtszugehen anstatt nach vorne. Auch eine österreichische Tradition, dass in Krisenzeiten nicht nach neuen Wegen gesucht wird, sondern man sich an Altbewährtem orientiert. Am Ende stelle ich mir trotzdem selbst die Frage: Ist der Frauentag als solches noch adäquat? Auch wenn sich der Feminismus stark weiterentwickelt hat, einige Forderungen erfüllt worden sind, während neue dazu kamen, Gleichstellungsziele angepasst werden mussten und die Frauen mehr Siege als Niederlagen in ihrem Bestreben nach Egalität verzeichnen konnten, so lautet meine Antwort, ohne zu zögern: Ja! Ja, weil er dem Großteil der weiblichen Lebensrealitäten nach immer noch notwendig ist. Ja, weil es wichtig ist, Kraft und Solidarität zu zeigen und zu erfahren. Ja, weil es gut tut, an diesem Tag besonders laut zu sagen, was wir wollen. Und ja, weil wir Frauen uns an diesem Tag zu Recht und ohne Einschränkung selbst feiern sollen. Vielleicht braucht Österreich dann nicht noch mal 100 Jahre, um seinen Status als feministisches „Entwicklungsland“ abzulegen. Unser Ziel ist erst dann erreicht, wenn uns der Tag für die Rechte der Frauen ebenso notwendig erscheint, wie jener für die Rechte der Männer, nämlich gar nicht.

Daniela Fürst, freie Radiojournalistin und Mediensoziologin

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