Freiwilliges Engagement in Österreich

Ein Überblick von Eva More-Hollerweger

 

Im aktuellen „Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit“ wird der Freiwilligenarbeit wieder vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt. In Österreich engagieren sich 43,8% der Bevölkerung ab 15 Jahren freiwillig. Sie betätigen sich entweder eingebunden in eine Organisation (38,0%), was im Folgenden als formelle Freiwilligenarbeit bezeichnet wird, oder auf privater Basis (36,2%) z.B. in Form von Nachbarschaftshilfe, nachfolgend als informelle Freiwilligenarbeit bezeichnet. 25,8% der Freiwilligen engagieren sich sowohl in der einen als auch in der anderen Form.

Freiwilligenarbeit wird in verschiedensten gesellschaftlichen Tätigkeitsbereichen erbracht. Im Bereich Kultur, Kunst und Freizeit engagieren sich die meisten Freiwilligen (516.500). Es folgen die Bereiche Sport mit rund 474.700 Freiwilligen, der kirchliche/religiöse Bereich mit rund 428.500 Freiwilligen und die Katastrophenhilfe mit rund 413.200 Personen). Dies ist gut nachvollziehbar, da gerade im ländlichen Bereich, wo freiwilliges Engagement deutlich stärker ausgeprägt ist als in den Städten, viele Vereine in diesen Bereichen aktiv sind. Fast jede Gemeinde verfügt über Musikvereine und/oder andere kulturelle Einrichtungen (Theatergruppen, Tanzgruppen etc.), kirchliche Einrichtungen, wie die Pfarrcaritas, Jungschargruppen etc., Sportvereine sowie eine freiwillige Feuerwehr. Weniger Menschen engagieren sich im Bereich politische Arbeit und Interessensvertretung (242.200 Freiwillige) sowie im Bereich Soziale Dienste (228.000). Die Bereiche Umwelt, Natur, und Tierschutz (176.400), Bildung (174.300) und Gemeinwesen (146.000) weisen die wenigsten Freiwilligen auf. Freiwilligenarbeit ist per Definition eine Leistung, die immer auch anderen Menschen zu Gute kommt und kann in diesem Sinne als Produktionsleistung für die Gesellschaft gesehen werden. Freiwillige leisten ein wöchentliches Arbeitsvolumen von rund 14,7 Millionen Arbeitsstunden. Dies entspricht dem Arbeitsvolumen von rund 13% der unselbständigen Erwerbstätigen in Österreich. Aus gesellschaftspolitischer Sicht ist aber auch eine weitere Komponente von Interesse: der Beitrag von freiwilligem Engagement zur sozialen Integration. Durch ihr Engagement können Freiwillige an der Gesellschaft partizipieren und sind in soziale Netze eingebunden, woraus sie selbst einen Nutzen ziehen. Die Vorstellung, dass durch die Unentgeltlichkeit und die Freiwilligkeit wesentliche Zugangsbarrieren fallen und sich grundsätzlich jeder Mensch engagieren kann, ist aber nur teilweise zutreffend. Vielmehr zeigt sich, dass sich generelle gesellschaftliche Partizipationsmuster auch in der Freiwilligenarbeit widerspiegeln, insbesondere bei Betrachtung der formellen Freiwilligenarbeit. Ein Grund dafür ist, dass bestehende soziale Netze oftmals auch Zugang zu einem freiwilligen Engagement schaffen. Viele Menschen engagieren sich, weil sie von anderen gefragt und dazu motiviert wurden. Die Beteiligung an der formellen Freiwilligenarbeit steigt mit dem Bildungsgrad. Personen mit Universitätsabschluss weisen einen höheren Partizipationsgrad auf als Personen, die ausschließlich über einen Pflichtschulabschluss verfügen. Die Beteiligungsquote an der formellen Freiwilligenarbeit von Erwerbstätigen liegt bei 32,6% und ist damit fast doppelt so hoch wie jene von Arbeitslosen (16,4%) und auch höher als jene von ausschließlich Haushaltsführenden (26,5%) und PensionistInnen (19,1%). Die geringste Beteiligung weisen Personen in Elternkarenz mit 13,9% auf, das sind überwiegend Frauen. Für die Beteiligung von Männern und Frauen spielt neben sozialen Netzwerken auch die Zuständigkeit für die Haus- und Familienarbeit, die wesentlich stärker bei den Frauen liegt, eine Rolle. Dadurch kommt es bei Frauen auch zu einer stärkeren zeitlichen Konkurrenz zwischen Erwerbs- und Freiwilligenarbeit. Männer engagieren sich mit einer Beteiligungsquote von 33,0% weitaus stärker in der formellen Freiwilligenarbeit als Frauen (23,3%). Hinzu kommt eine Teilung der Freiwilligenarbeit in klassische Männer- und Frauendomänen. In den Bereichen Katastrophenhilfe, Sport und Politik liegt der Anteil der Männer bei über 70%, auch in den Bereichen Umwelt und Gemeinwesen sind fast zwei Drittel der Freiwilligen Männer. Frauen sind hingegen in den Bereichen Religion und Bildung deutlich stärker vertreten. Lediglich im Sozialbereich und im Bereich Kultur, Kunst und Freizeit ist der Anteil von Frauen und Männern relativ ausgeglichen. Auch in der informellen Freiwilligenarbeit entspricht die Verteilung von Frauen (52%) und Männern (48%) nahezu jener in der Bevölkerung. In Organisationen üben Frauen weitaus weniger oft leitende Funktionen aus als Männer. Über alle Bereiche hinweg nehmen Männer mehr als 70% der Führungspositionen ein, obwohl sie nur 57% der Freiwilligen ausmachen. Viele Freiwilligenorganisationen sind bestrebt, den Zugang für alle Bevölkerungsgruppen zu öffnen, dennoch zeigt sich, dass soziale Barrieren häufig nur unter Einsatz von Ressourcen überwunden werden können, die über das „Tagesgeschäft“ der Organisationen – ihren eigentlichen Zweck – oft hinaus gehen.

Eva More-Hollerweger, Senior Researcher und Vizedirektorin am NPO-Institut. Das Kompetenzzentrum für Nonprofit Organiatsionen, Projektleiterin und Ko-Autorin des 1. Österreichischen Freiwilligenberichts.

Dieser kann heruntergeladen werden unter: http://www.bmask.gv.at/cms/site/liste.html?channel=CH0139

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