Müßiggang – die verlorene Tugend

Sara Sorglos weiss, das selbst Buddha bei einer 40Stunden Anstellung die Fassung verloren hätte.

 

Müßiggang wird oft verwechselt. Trägheit, Apathie, Orientierungslosigkeit, der schiere Hedonismus, depressive Verstimmtheit, popkulturelle Attitüden (Slacker) oder Passivität sind kein Müßiggang.

Der Zustand, der vieles nicht ist, gleicht mehr einem sensiblen Aggregat, als dem breiten, langen Fluss des Vergessens. Im Müßiggang tun sich keine Begehrlichkeiten auf, kein Zank, kein Streit und kein Krieg. Müßiggang ist nahe am Spielen – Herumtuerei, -tollerei. Laa- a-a-angsames Gehen. Mit der Schildkröte an der Leine flanieren. Vom Tempo genommen bricht der gewohnte Blick. Dinge verschieben sich; schieben sich dazwischen. Man liest Proust oder das Telefonbuch und fragt sich, wohin die Zeit verschwunden ist. Vielleicht geht es um Zeitlöcher. Man hört, Zeit ohne konkrete Tat sei verlorene Zeit: In bekannte Fallstricke tappen, vor dem Fernseher liegen (und sich vor Lizzi Engstler fürchten), sich einfach langweilen, stumm und sinnfrei zur Decke blicken. Verreisen, eine obsessive Suche anzetteln. Etwas finden oder leer ausgehen. Warten. Sich verweigern. Ein ewiges hinund her. Oder das Gegenteil: betulich, konzentriert, aktiv. Irgendwo dazwischen liegt ein Zeitloch, das Portal zur Muse. Fantasieland. Kein Scheiss. Unendlicher Spaß. Müßiggang ist ungesteuerter Möglichkeitssinn und die Hard-Core-Realistinnen haben unrecht. Fahrpläne, Entfernungen und physikalische Gesetze sind aufgehoben. Feinsinn ohne Ziel macht sich breit. In the mood for … Doch. Oh weh. Müßiggang gleitet wie Quecksilber durch die Finger, ist nicht festzumachen und deshalb vermutlich schrecklich unpopulär. Im 21. Jahrhundert, großes Wort, sind die Zeitfenster für den geistigen Flow einfach zu klein gebaut. Irgendwas ist immer. Verpflichtungen und Verantwortung, Engagement, sehr viele Pixel, nervige Phänomene, wie Tinnitus und – die eigene Existenz, absurd genug. Sisyphosarbeit. Im Hamsterrad rennt der Mensch; es ist fast putzig. Nur wird die Vereinzelte dabei schnell kaputt. Anforderung und Masterplan kratzen die Haut, wie Island-Pullover. Pragmatisch gedacht, liegt das Teilen nahe. Die Arbeitsteilung. Sogar Buddha hätte in einer 40-Stunden-Anstellung die Fassung verloren. Weniger Arbeit, um in den Genuss dieser nutzlosen Zivilisationsleistung zu kommen! Müßiggang verspricht Behutsamkeit und eine reizvolle Qualität des Seins. Als Aspekt im Gesellschaftskonzept allerdings holpert der Müßiggang; fast unmöglich zu argumentieren. Die Bürokratiemaschine macht da nicht mit – wie sollen die vagen Potentiale effizient verwaltet und organisiert werden? Außerdem: Dauerhaften Müßiggang hält niemand aus. Und so scheint’s, als bliebe sie ein geheimes Fach. Sie, diese Tugend, ist aber auch ansteckend. Nicht wie ein Virus. Mehr wie eine übernommene Laune, die eine Sehnsucht nach Unschuld weckt. Anarcho-Humor. Arcadia. Dämon des Kapitals.

Sarah Sorglos lebt in Wien und ist die meiste Zeit mit der Kamera unterwegs. Sie spielte in den 70ern, schaute fern in den 80ern, studierte in den 90ern. Sorglos arbeitet aktuell an einem Projekt über Regen und Religion.

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