Zwischen Provokation und Integration

Als eines der letzten Länder Europas schaffte Österreich 1971 das Totalverbot gleichgeschlechtlicher Liebe ab und ersetzte es durch mehrere Paragrafen, die als „flankierende Maßnahmen” bezeichnet wurden und dem unsittlichen Treiben Grenzen setzen sollten. Homosexualität wurde, wenn schon nicht mehr als Krankheit, so doch als vermeidbare Fehlentwicklung angesehen. Bis zur Aufhebung des letzten Strafrechtsparagrafen 2002 wurden noch weit über 1000 Menschen verurteilt.

Auf zivilrechtlicher Ebene setzt sich die Diskriminierung bis heute nahezu ungebrochen fort. Mietrecht, Erbrecht, Adoptionsrecht und Besuchsrecht sind nur ein paar Beispiele für die Ungleichbehandlung gleichgeschlechtlicher Paare. Vor diesem Hintergrund und nach einer ausführlichen Darstellung der theoretischen Grundlagen dokumentiert Ulrike Repnik Entstehung und Entwicklung der Lesben- und Schwulenbewegung in Österreich. Die ersten informellen Zusammenschlüsse in den 70er Jahren waren Teil der neuen sozialen Bewegungen, politisch links, und forderten eine grundsätzliche gesellschaftliche Veränderung. Die heterosexuelle Norm wurde als ein Unterdrückungsmechanismus unter vielen verstanden, Aktionismus und Provokation waren wichtiger Bestandteil ihrer Strategie. Jedoch gab es auch einen „konservativen” Flügel, der in erster Linie an einer rechtlichen Gleichstellung interessiert war und zu diesem Zweck den Dialog mit PolitikerInnen suchte.

Dieser Konflikt zwischen Revolution und Integration prägte die Bewegung bis in die 80er Jahre und teilweise bis heute. Vor allem seit der Aids-Krise der 80er setzte sich laut Repnik die bürgerliche integrative Strömung durch. Folge davon war die Institutionalisierung der Bewegung in den 90er Jahren, wenngleich aktionistische Elemente nicht gänzlich verloren gingen. Ulrike Repnik sieht darin auch die Chance für neue Formen sozialen Protests. Das vorliegende Buch ist eine aktualisierte Fassung ihrer äußerst gelungenen Diplomarbeit am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und stützt sich, neben schriftlichen Quellen, auf Interviews mit zahlreichen AktivistInnen der Lesben- und Schwulenbewegung.

Die Geschichte der Lesben- und Schwulenbewegung in Österreich von Ulrike Repnik, 233 Seiten – Feministische Theorie Band 48 Milena Verlag, ca. € 18,90 ISBN 3-85286-136-5

Christian „Giro” Diabl ist Aktivist bei bs3 & KAPU.

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