Ein Mahnmal für den Frieden

Von der gut gemeinten Forderung nach Frieden und der Gefahr, nationalsozialistische Verbrechen zu relativieren.

 

Von Univ.-Ass. Dr. Thomas Hellmuth

Gallneukirchen hat ein neues Denkmal, ein Mahnmal für den Frieden. Zwei mächtige Platten aus rostigem Stahl ragen aus dem Boden, die allerdings als ganze Fläche zu verstehen sind, von der nur deren beiden Enden dem Erdreich entrissen wurden. Diese imaginäre ganze Fläche soll die Vergangenheit symbolisieren, von der noch vieles unter dem Mantel der Vergessenheit verborgen liegt und von der nur allmählich bestimmte Teile zum Vorschein kommen. Das Mahnmal in Gallneukirchen thematisiert Ereignisse, die in der Region lange Zeit nur selten Diskussionsthema waren: einerseits die Verfolgung russischer KZ-Insassen, die unter dem schrecklichen Begriff „Mühlviertler Hasenjagd” bekannt geworden ist und auf der Aigner Halde, auf der sich das Denkmal befindet, ihr Ende gefunden hat. Andererseits weist das Mahnmal auf ein Lager der US-Army hin, das sich ebenfalls auf diesem Platz befand und in dem deutsche Soldaten unter katastrophalen Verhältnissen gefangen gehalten wurden.

Die Diskussion über diese historischen Ereignisse ist grundsätzlich zu begrüßen, allerdings bereitet das gut gemeinte Mahnmal zwei Probleme: Erstens werden auf der Tafel, die an die „Mühlviertler Hasenjagd” erinnert, lediglich „nationalsozialistische Organisationen” erwähnt, die die aus dem KZ Mauthausen ausgebrochenen Gefangenen verfolgt und ermordet haben. Über Einheimische, die ebenfalls beteiligt waren, ist kein Wort zu lesen (wobei selbstverständlich nicht vergessen werden soll, dass es auch einige wenige gab, die Zivilcourage zeigten und Flüchtende versteckten). Zweitens hebt das Mahnmal zwei unvergleichbare Ereignisse auf eine Ebene, indem zum einen die zwei Erinnerungstafeln eng nebeneinander aufgestellt wurden und zum anderen die – natürlich legitime – Forderung nach Frieden eine differenzierte Betrachtung letztlich verhindert. War doch die „Mühlviertler Menschenhatz”, wie die „Hasenjagd” wohl besser bezeichnet werden sollte, ein durch das nationalsozialistische System und dessen Gesetze legitimierter Gewaltakt. Sie war Teil einer verbrecherischen und menschenverachtenden Ideologie und daher, ebenso wie das System der Konzentrations- und Vernichtungslager, keineswegs ein Kriegsverbrechen, sondern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Alliierten sind dagegen als Befreier von einer faschistischen Diktatur zu verstehen; sie haben erst die Möglichkeit geschaffen, wieder Demokratie und Menschenrechte in Österreich walten zu lassen. Freilich befreit sie das nicht von der Tatsache, auch Kriegsverbrechen begangen zu haben. In diesem Zusammenhang ist es durchaus legitim, die menschenunwürdige Inhaftierung von deutschen Soldaten im Lager auf der Aigner Halde zu hinterfragen und schärfstens zu verurteilen. Allerdings wurden gerade Kriegsverbrechen US-amerikanischer Soldaten in den meisten Fällen gesetzlich geahndet, so wie es ein demokratisches und den Menschenrechten verpflichtetes System vorsieht. Wenn nun beide historischen Ereignisse mit dem Hinweis auf die schrecklichen Verhältnisse im Krieg und der Forderung nach Frieden nebeneinander gestellt werden, gleicht dies einer unzulässigen Aufrechnung nationalsozialistischer Verbrechen mit jenen der Alliierten bzw. einer Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen. Bereits in der Vorbereitungsphase und bei einer Veranstaltung über die Befreiung Österreichs durch die Alliierten, die der Errichtung des Mahnmals vorausging, wurde auf dieses Problem hingewiesen. Ebenso haben die Historiker, die in der Jury bei der Auswahl des Mahnmals mitwirkten, darauf aufmerksam gemacht. Leider wurden die Einwände nicht berücksichtigt und ein Mahnmal geschaffen, das in seiner Aussage letztlich undifferenziert und somit problematisch bleibt. Die Kritik sei allerdings nicht falsch verstanden: Das Mahnmal ist ein wichtiger Schritt zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Es zeigt allerdings auch, wie viel Aufklärungsarbeit dabei noch zu leisten ist.

Univ.-Ass. Dr. Thomas Hellmuth arbeitet am Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz.

 

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