Gedenkroutine

A Watschn’ an 60 Jahre schlampigem Umgang mir der österreichischen Vergangenheit.

Nun ist es fast geschafft- in wenigen Wochen werden wir gewohnt alkoholisiert vom Jubiläumsreigen des Gedenkjahres ins Mozartjahr hinüberstolpern. Es scheint alles gesagt, alles
erforscht, alle aufgeklärt und vor allem alles überwunden. Der Schlussstrich ist gezogen, die Stunde Null bestimmt, das neue gute Österreich geboren. Was vorher war geht uns nicht mehr an, als der Kreuzzug Herzog Leopolds und die Gefangennahme von Richard Löwenherz. Mit Routine spulen unsere PolitikerInnen Anlass um Anlass ab, und genauso unaufhaltsam wie die Zeitgeschichte zur Geschichte wird, wird das Gedenken zum Event. Freilich war Gedenken im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung mit Geschehenem und daraus zu ziehenden Konsequenzen noch nie eine Stärke Österreichs und mit dieser lang gepflegten Tradition wurde auch 2005 kaum gebrochen. Es braucht schon so verwirrte Figuren wie Kampl oder Gudenus um eine armselige Art von Diskurs zu entfachen. Bezeichnend für den Unterschied
zwischen der historischen Realität und dem gut ausgedachten Gründungsmythos der Zweiten
Republik war der letzte Fernsehauftritt vom ehemaligen SSler und langjährigen FPÖ- Obmann
Friedrich Peter, der sich im Namen der österreichischen Nazis beim neuen Österreich bedankte, so gut aufgenommen und integriert worden zu sein. Über solche Widersprüche können auch Peinlichkeiten wie der nachgebaute Balkon des Belvedere, auf dem brave PatriotInnen Figl spielen konnten, nicht hinwegtäuschen. Ebensowenig wie die oberfächlichen Ansprachen, substanzlosen Diskussionen und grenzwertigen Showveranstaltungen. Und so können wir getrost noch ein Jubiläum hinzufügen, nämlich 60 Jahre schlampiger Umgang
mit der eigenen Vergangenheit. Die Bilanz ist schnell gezogen, das Urteil ernüchternd, das Gedenkjahr am besten gleich wieder zu vergessen. Vergessen im Waldheimschen Sinne,
also bitte nicht mehr drüber reden! Die erste Bestrafung im März hat nichts geholfen, deswegen gibt’s die zweite Gnackwatschn fürs Gedenkjahr, und wir werden nicht zögern noch ein drittes Mal kräftig hinzulangen …