Im Großen und Ganzen

25 Jahre Kupro Sauwald: Bericht des zugereisten Chronisten von Kurt Hofmann

 

Das Kulturprojekt Sauwald, eine Innviertler Initiative, feiert ein Vierteljahrhundert seines Bestehens. Zur Behübschung örtlicher (kultureller) Unzulänglichkeiten war man in keiner Phase des Projekts bereit, auch nicht, zur Veranstaltungsmaschine zu degenerieren. Der Selbstgefälligkeit wird das Hinterfragen des Istzustands entgegengesetzt, trotz begrenzter personeller Ressourcen ist der Blick stets nach vorne gerichtet. Mit Festivals abseits des Mainstream werden Kontrapunkte gesetzt, die lokale Begrenztheiten überschreiten.

„Was hier/in dieser muffigen Atmosphäre“: Der Staatsschauspieler Bruscon, der in Thomas Bernhards „Der Theatermacher“ sein selbstverfasstes Stück, ein vorgebliches Meisterwerk, endlich uraufführen möchte, kann es nicht fassen. Er steht mitten in einem Wirtshaus, einem feindseligen Nichtkulturort voll provinzieller Trostlosigkeit… Am Wirtshaus jedoch, so lehrt die Erfahrung lokaler Kulturinitiativen am Land, auch jene des nun seit fünfundzwanzig Jahren bestehenden Kupro Sauwald, führt als Spielort kein Weg vorbei. Ist der Raum vorhanden, muss er erobert (und umfunktioniert) werden, ist eine Bühne vorhanden, muss sie bespielt werden (nur anders…). Das Wirtshaus, in dem das Kupro Sauwald mit seiner Veranstaltungstätigkeit beginnt, nennt sich „Zur Alm“, ein späterer Spielort dieser Art gar „Zur Bums’n“… Schon nach wenigen Veranstaltungen wird ein Plakat des Kupro beschmiert. „Alle linken Innviertler kommen…“ steht da, als wäre das eine gefährliche Drohung. Die Rechten haben Witterung aufgenommen, da sind welche, die stören die Ruhe und das Ewiggleiche. Sabine Scheuringer und Gebhard Kitzmüller, zentrale Gestalterinnen der ersten Phase des Projekts (bis 1994), erinnern sich im Gespräch an gemeinsame Besuche einer nahegelegenen Disco, wo andere Musik aufgelegt wird als in den Schema-F-Tanzschuppen. Hier treffen einander Pläneschmiedinnen (und zukünftige Veranstalterinnen). Als es soweit ist, stehen nicht langüberlegte Konzepte, sondern Neugierde auf das Andere (hier noch nicht Gesehene) und der Spaßfaktor (die „egoistische“ Befriedigung eigener Wünsche abseits von Zielgruppenerwägungen) im Vordergrund. Nach den Veranstaltungen bleibt das Publikum oft sitzen, weil sie (miteinander, mit den Musikerinnen) über das Gesehene und Gehörte reden wollen. Befreundete Kulturinitiativen in den Nachbarorten (die wenigen Verbündeten) werden besucht, Anregungen eingeholt, die Engagements zeitigen. Als besonders politisch empfinden sie sich nicht, auch, wenn ab und zu Sigi Zimmerschied aus dem nahen Passau vorbeischaut und eine Theateraufführung mit dem Titel „1938-1988. Gestern?“ für Aufsehen sorgt. Aber man beteiligt sich am von den landesweiten Kulturinitiativen veranstalteten „Kulturpolitischen Aschermittwoch“ gegen Rechtstendenzen und fährt, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, gemeinsam zum Demonstrieren nach Wackersdorf… Unentbehrlich ist aber das regelmäßige Reflektieren der gemeinsamen Arbeit, dieses nennt sich, wie könnte es anders sein, „Stammtisch“…

Das Zelt Anfang August 2010: Auf einer Wiese steht ein Militärzelt. Im Inneren des Zeltes wird freilich kein Feldzug, sondern das Essen für die anwesenden Künstlerinnen und Kupro-Aktivistinnen vorbereitet. Hier (sowie im gegenüberliegenden Bauernhof) tauschen sich Künstlerinnen über gemeinsame Projekte aus, während Kupro-Sauwald-Aktivistinnen ihre Arbeit hinterfragen. Was ist zu tun und was zu lassen? Dies alles im Rahmen der Kupro-Landwoche, einer ungewöhnlichen Mischung aus der Lust am gemeinsamen Improvisieren (der eingeladenen Künstlerinnen), der langen Weile, die das Innehalten abseits des üblichen Zwangs zu „Notwendigkeiten“ geradezu einfordert, das ein Nachdenken ebenso sein kann wie ein InDieLuftGucken und ein gemeinsames Palaver, welches ebenso überflüssig sein kann wie es einen Überfluß an Ideen gebären kann. Muße, Kreativität. Das Vokalensemble „KlangStimmen“ legt Wert darauf, dass ihr Auftritt am Schlusstag der Kupro-Landwoche als Öffentliche Probe zu verstehen sei. Ein im Stall des Bauernhofes mit Bandkollegen übender Musiker weist mich zurecht, als ich ihn auf einer Probe anspreche. Er probe seit Jahren nicht mehr, diese einengenden Formen habe er hinter sich. Was nicht aus dem Augenblick geboren sei, wäre ohnedies nichts wert. Abseits der Notwendigkeiten des Veranstaltungsbetriebs ein Plädoyer für das Unfertige. Lob der Option.

Phase 2: Pflöcke einschlagen 1994 lösen sich die Aktivistinnen der ersten Stunde vom Projekt, der Generationswechsel bringt ein Mehr an Ambition. Nun folgt eine konzeptionell geprägte Phase. Im ebenso differenziert wie raffiniert gestalteten Musikprogramm werden unterschiedliche Richtungen „hergezeigt“, präsentieren sich prominente Künstlerinnen wie Herbie Hancock ebenso wie junge Unbekannte namens Sportfreunde Stiller, die hier ihren ersten Gig abliefern… Experimentelle Literatur reizt gleichermaßen zum lustvollen Diskurs wie kulturpolitische Podien. Die wesentlichen Neuerungen stellen jedoch die an unterschiedlichen Orten abgehaltenen Festivals dar, wie SONIC, der elektronischen Musik gewidmet und über Jahre hinweg höchst erfolgreich, PHONON (2007), der zeitgenösischen (E-) Musik zugeeignet und das bemerkenswerte Frauen-Kunst-Festival FEMME:OS, welches, so Inge Habereder, prima inter pares der zweiten Phase, auch einen notwendigen Lernprozess unter den männlichen Mitgliedern des Kupro Sauwald einleitete, die nun die „niedrigen Dienste“ wie in der Kassa sitzen, Essen zubereiten, aufräumen, verrichten mussten, solchermaßen absurde Rollenverteilungen und Geschlechterklischees begreifend… Ob SONIC, PHONON oder FEMME:OS: Derlei war nicht nur im regionalen Umfeld, sondern im gesamten Bundesland erstmalig zu sehen und erregte bundesweites Interesse.

Das Kind Im Großen und Ganzen ist die nachrückende Generation des Kupro Sauwald mit der Entwicklung zufrieden, findet die Indie Bands, die sie veranstaltet, nicht wie einst die Gründerinnen durch Besuche bei ähnlichen Projekten in den Nachbarorten, sondern durch Konzertbesuche in Linz und Wien, über FM4, das Internet und (internationale) Kontakte. Transport und Lagerung des technischen Equipments zählen aber ebenso zu den ungelösten Problemen wie die schwierige Suche nach einem ständigen Spielort und nach alternativen Veranstaltungsmöglichkeiten. Die Mühen der Ebene. Auch: Dass die unterschiedlichen Interessen der Programmgestalterinnen nicht zum Spezialistentum verkommen. Es geht weiter, immer weiter: Vor Jahren ein Kupro-Konzert mit Curtis Knight, dem Entdecker von Jimi Hendrix. Einer hochschwangeren Frau, die diese Ereignis auf keinen Fall versäumen wollte, platzt die Fruchtblase. Der Vater des Kindes bekniet den Musiker um eine signierte CD: Jener sieht die Besonderheit des Falles und schreibt dem künftigen Erdenbürger in seiner Widmung, dieser möge ein guter Musiker werden. 2010, vierzehn Jahre später, lernt der junge Mann Schlagzeug…

Kurt Hofmann ist freier Publizist und (Film-) Veranstalter. Lebt und arbeitet in Wien.

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