Bock auf was Neues

Christian Diabl berichtet, warum das Bock Ma’s Festival heuer zum letzen Mal stattfand

 

Bock Ma’s fand heuer zum letzten Mal statt. Die Szene trauert, Gerüchte und Spekulationen begleiteten das Ende des Vorzeigeprojektes. Bei genauerer Betrachtung ist es natürlich schade um das Festival, doch kein Grund für Depressionen, denn die Menschen bleiben und wo altes geht, kommt neues. Eines scheint sicher: Von den Aktivistinnen rund um das Freiwerk werden wir auch in Zukunft viel hören.

Bock Ma’s ist kein Kommerzfestival und schon deshalb was besonderes. Die Organisatorinnen reihen sich ein in den wachsenden Widerstand gegen die restriktive und menschenrechtswidrige Asylpolitik Österreichs. Der Reinerlös geht an den Verein Ute Bock. Kaum ein Thema bewegt die Gemüter so stark – und das in allen Lagern. Die Rechtsparteien leben fast ausschließlich von der Hetze, die Konservativen haben sich mit der harten Linie angefreundet und ihre christlichsozialen Wurzeln endgültig über Bord geworfen und die SPÖ droht an ihrer Mutlosigkeit und den inneren Widersprüchen zu zerbrechen. Asyl und Migration werden gekonnt vermischt, jede Rationalität ist mittlerweile verlorengegangen. Kleinkariertheit und Rassismus dominieren den Diskurs. Die nur ansatzweise entwickelte kritische Medienöffentlichkeit trägt ihren Teil zu der allgegenwärtigen Misere bei.

Doch es regt sich Widerstand – auch über die üblichen Kreise hinaus. Plötzlich verhindern ÖVP-Bürgermeisterinnen höchstpersönlich die Abschiebung von gut integrierten Familien, Demonstratinnen setzen sich vor Polizeiautos und überall wird Geld gesammelt. Geld für NGOs, die sich dem Mainstream entgegenstellen und verzweifelt versuchen, die schlimmsten Auswirkungen abzufedern.

Ute Bock ist eine der prominentesten Mitstreiterinnen. Ihr eigentlich völlig unpolitischer Zugang, ihre Aufopferung und ihr Einsatz sind zum Symbol für das „andere“ Österreich geworden.

In unserem Land ist es unerträglicher Alltag, dass Flüchtlingsfamilien völlig mittellos auf der Strasse stehen. Behördliche Antipathie und ein löchriges System führen immer wieder dazu, dass sich niemand mehr zuständig fühlt und sich der Staat seiner Verantwortung entzieht. Vielen bleibt nichts mehr übrig, als bei Frau Bock zu läuten und um Obdach und Nahrung zu bitten. Wo viele wegschauen schaut sie hin. Wenn alle Stricke reissen, springt sie ein. Egal ob illegal oder nicht, bei Ute Bock bekommt jede Unterstützung. Aus der anfangs individuellen Hilfe ist ein großer Verein geworden, der sich um die kümmert, um die sich sonst niemand kümmern will. Abseits von katholischem Mitleid und rechtsstaatlichen Ansprüchen ist Ute Bock oft das rettende Boot in einem Meer aus Ignoranz, Rassismus und Nicht-Zuständigkeit. Skandalös ist, dass es so einen Verein überhaupt geben muss. Finanziert wird das Notwendigste in erster Linie über Spenden. Tausende Menschen unterstützen ihre Arbeit, Kulturinitiativen, Radiosender, Beisln, Sportprojekte und Prominente finden immer wieder kreative Wege, um Frau Bock und ihre Mitstreiterinnen zu unterstützen. Ein kleiner unverzichtbarer Lichtblick in der Finsternis österreichischer Asylpolitik.

In Oberösterreich ist es vor allem das schon legendäre Bock Ma’s-Festival, das sich in den Dienst der guten Sache stellt und Politik, Kultur und soziales Engagement zu einer dynamischen Mischung vereint. Veranstaltet wird das Benefizevent vom Kulturverein Sozialforum Freiwerk, einer Symbiose aus mehreren regionalen Vereinen und Initiativen, die „begannen an einem gemeinsamen Zauber zu basteln“. Ein Festival „für die regionale Kulturlandschaft, für die soziale Kohäsion und deutlich gegen Diskriminierungen aller Art, ein Festival fern abseits jeglicher Kommerzkultur und für den guten Zweck!”, so die Mitorganisatorin Susanne Rosenlechner im Gespräch mit der KUPF-Zeitung.

Zu Beginn gab’s natürlich Schwierigkeiten. Nicht jede Behörde stand den Organisatorinnen wohlwollend gegenüber und auch die eine oder andere Anzeige wegen „nächtlicher Ruhestörung” flatterte ins Haus. Das übliche halt. Im Laufe der Zeit gelang es immer mehr, regionale Strukturen einzubinden und so zählen heute neben der freiwilligen Feuerwehr auch lokale Biobauern zu den Freunden des Festivals.

Aufhören wenn’s am schönsten ist

Die Entscheidung, das Projekt zu beenden ist nicht leicht gefallen. Zum einen gibt’s ökologische Gründe, die Menschenmassen haben das einzigartige Festivalgelände strapaziert. Das war ein paar Jahre ok, sollte aber kein Dauerzustand sein. Zum anderen hat die Organisation enorm viel Zeit und Energie verschlungen und den Beteiligten kaum Ressourcen für andere Projekte gelassen. Wurde das Freiwerk zu Beginn eigens für das Bock Ma’s gegründet, gehen die Aktivitäten mittlerweile weit darüber hinaus. Es ist „ein Kollektiv welches stets um Kulturarbeit, Kulturpolitik, Vernetzung mit Kulturinitiativen und um die Entfaltung freier Medien bemüht ist”. Weitere Projekte sind die Internetplattform www.freieszene.org, Radio Tacheles im Freien Radio Salzkammergut (http://radio.freiwerk.org) und Blatthirsch, das Flugblatt für Kultur, Freiräume und Zivilcourage im Bezirk Vöcklabruck (http://blatthirsch.at). Es ist also besser, auf dem „Höhepunkt” aufzuhören als zuzusehen, wie das Festival langsam an Energie und Dynamik verliert. Eine Erklärung auf der Homepage bringt die Sache auf den Punkt: „Wir wollen aufhören bevor der Zauber auch für euch zu bröseln beginnt.”

Die KUPF gratuliert zu dem bisher Erreichten und freut sich auf kommende neue Projekte!

Christian Diabl tanzt auf vielen Hochzeiten von Linz bis Wien

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