Unsichtbare Akteurinnen

Erika Doucette’s Diplomarbeit „Kulturarbeit von Migrantinnen in Österreich“ hat Michaela Lehofer gelesen.

 

Kulturarbeit von Migrantinnen ist ein Thema, dass, wenn überhaupt, meist über Exotik und Folklorepräsentationen wahrgenommen wird. Die Großzügigeren der Kulturabteilungen der Länder betrachten Kulturarbeit von Migrantinnen nach wie vor sehr undifferenziert und fördern mit ihrer Förderungspolitik die gängigen Klischees der Gesellschaft. Erika Doucette, Feministin, Amerikanerin und über 2 Jahre bei MAIZ tätig gewesen, versucht in ihrer Diplomarbeit „Kulturarbeit von Migrantinnen in Österreich“ vor allem deren Schaffensbedingungen offen zu legen. Die Darstellung des rechtlichen und kulturpolitischen Status Quo nimmt in dieser Arbeit den größten Platz ein. Außerdem behandelt sie Strategien politischer und feministischer Bewusstseinsbildungsarbeit im Rahmen der politischen Bildung in der 2. Republik.

Der Aspekt der Bevorzugung der folklorebezogenen Kulturproduktion wird in dieser Arbeit sehr anschaulich über Beispiele angepasster Konzepte der Folklore und Integrationspolitik in den Bundesländern Vorarlberg, Wien und Oberösterreich sowie der Auseinandersetzung mit den Förderberichten der Kulturabteilungen der Länder offen gelegt.

Offensive emanzipatorische Kulturarbeit, die besonders von MAIZ über die Strategie der Störung, Provokation und Fiktion betrieben wird, bewirkt einerseits die Sichtbarmachung von Migrantinnen als kulturelle Akteurinnen und andererseits eine Politisierung der Gesellschaft, die für die etablierten Strukturen und Ämter unkalkulierbare Risken bedeuten.

Besonders die Tatsache, dass eine kontinuierliche politische Kulturarbeit in Österreich erst seit fünf Jahren dokumentiert ist, wirft neben den dargestellten rechtlichen Hindernissen und der problematischen Förderpolitik für mich folgende Frage auf: Inwieweit gab und gibt es eine Solidarisierung der Mehrheitsösterreicherinnen im Kampf gegen die Geringschätzung der Kompetenzen von Migrantinnen innerhalb der Kulturarbeit?

Auf die offensichtliche Konkurrenzsituation in den neueren Formen der Kulturarbeit, wo die Knappheit an Fördermitteln die Chance auf Förderung ohnehin verringert, wird leider kaum eingegangen. Ebenso wenig behandelt Erika Doucette die Notwendigkeit der Solidarisierung etablierter Organisationen und einzelner Akteurinnen mit den Forderungen und Anliegen der Migrantinnen. Niemand kann sich der Tatsache entziehen, dass es schon sehr viel politisches Bewusstsein erfordert, für die eigene „Entmachtung“ im Gegensatz zum „Macht- und (Geld)Mittelgewinn“ für politische Kulturarbeit von Migrantinnen zu arbeiten.

„Migrantinnen in die Kulturpolitik einzubinden bedeutet sie als Kulturträgerinnen, Produzentinnen und Akteurinnen wahrzunehmen und auch gleichberechtigt zu fördern“ (MAIZ 2000). Die Illusion der Gleichberechtigung in Kooperationen bei bestehenden Machtgefällen innerhalb gesellschaftlicher Strukturen wird von MAIZ jedoch nicht aufrechterhalten. Vielmehr muss im Bewusstsein dieser ungleichen Ausgangsverhältnisse gearbeitet werden.

Am Beispiel von MAIZ geht Erika Doucette schließlich auf die Notwendigkeit, Möglichkeiten und Risiken der Kooperation mit KünstlerInnen, Kulturinitiativen und Organisationen ein. Eine Auseinandersetzung, hier anhand von konkreten Beispielen („Fremde Dezibel“, „Social Club“), die im allgemeinen Teil der Arbeit, wie ich meine, leider kaum vorkommt. Trotzdem ist diese Diplomarbeit ein wichtiger Schritt im Sinne der Notwendigkeit, Berichte von und über Migrantinnen zugänglich zu machen und ist eine Basis zur Erforschung und Dokumentation der politischen Arbeit von Migrantinnen in der Kulturarbeit.

Michaela Lehofer

1 Erika Doucette: Kulturarbeit von Migrantinnen in Österreich. Diplomarbeit, Universität Wien, November 2001, 224 S. http://www.servus.at/maiz, http://www.interkultur.at

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