Creative Europe und tektonische Verschiebungen im Kunstbetrieb

„Creative Europe“, das neue Kulturprogramm der EU hat bereits im Vorfeld für heftige Diskussionen gesorgt. Denn erstmals sind auch Unternehmen angesprochen und können Projekte zur Finanzierung einreichen. Darüber hinaus ist ein neues Finanzierungsinstrument in Planung, das im Wesentlichen in einer Ausfallshaftung für einen rückzahlbaren Kredit bestehen wird. Die Betonung liegt dabei auf „rückzahlbar“.  

Diese Verschiebung hat zwei Seiten, mindestens. Einerseits  steht natürlich außer Frage, dass sich die Arbeitsrealitäten vieler Kunstschaffender längst dahin verschoben haben, sowohl in einem kommerziellen wie auch im „freien“, künstlerischen/kulturellen Bereich tätig zu sein, weil die Miete ja nun mal irgendwo herkommen muss. Andererseits ist aber genau dies bei vielen mit Zähneknirschen verbunden, da die Berufsidentität im freien Bereich liegt und die eigene Querfinanzierung über Auftragsarbeiten nur gezwungenermaßen gemacht wird. Und zum Dritten gibt es natürlich auch die Gruppe, die freiwillig primär unternehmerisch agiert und an und ab ein künstlerisches Projekt durchführen möchte. Alle Gruppen werden nun in einen Topf geworfen, was niemanden so richtig zufrieden stellt. So entsteht die unbefriedigende Situation, dass für „freie“ Projekte die Qualitätskriterien zu sehr an der Quantität des Publikums und am Eigenfinanzierungsgrad ausgerichtet sind und für den kulturwirtschaftlichen Bereich falsch Entwicklungsmaßnahmen gesetzt werden, indem Subjekte statt Szenen gefördert werden.

Denn der Graben verläuft entlang einer anderen Linie als der zwischen der jeweils gewählten Rechtsform oder Steuerklasse: Es geht um Inhalte und darum, ob sperrige, widerborstige Projekte möglich sind, ob Scheitern erlaubt ist oder ob es um eine verbindliche Kultursauce geht, die sich reibungslos in einen Strom ähnlich belangloser bunter Bilder fügen lässt.

Denn genau die großen Kunstinstitutionen, die unhinterfragt zur „Kunst“ gezählt und somit auch entsprechend staatlich gefördert werden, folgen schon seit langem weitaus eher (kultur)wirtschaftlichen als künstlerischen Vorgaben – Klimt, Schiele, Kokoschka und die Frauen (Belvedere 2015) werden einfach mehr Publikum anlocken als das neue Album einer feministisch-queeren Performanceband oder experimentelle Architektur.

Während die Intention des Kulturprogramms stark in die Richtung deutet, das zeitgenössische Kunst- und Kulturschaffen wieder stärker an die RezipientInnen anzudocken und Zugänge zu eröffnen, droht die reale Gefahr, dass im Endeffekt lauwarmer Kulturkommerz gefördert wird. In diesem Sinne wäre es lohnenswert, wieder über die Funktion öffentlicher Förderungen nachzudenken und die Frage zu stellen, welche Ansätze für eine Gesellschaft relevanter sind: Passiver Konsum von Routineware oder eine lustvolle Auseinandersetzung mit Neuem.

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