Amazonas

Das schmale Taschenbuch habe ich während düsterer Tage via Amazon erworben. Eigentlich leiste ich mir die Bequemlichkeit von Amazon-Geschäften nicht. Für Bücher gehe ich in den Buchladen, was viel mehr Weg, nämlich hingehen und bestellen und wieder abholen bedeutet; Wege, die allerdings nicht die ausgebeutete Aushilfskraft in Leipzig oder in anderen deutschen Amazon-Verteilerhallen für mich latschen muss. Ein Boykott von Amazon macht allerdings wenig Sinn, weil was die Wirtschaftspolitik angerichtet hat, soll die Einzelne richten können? Alle machen jetzt touch-and-feel im  Großmarkt und kaufen schlussendlich die vielen, vielen Dinge, das ganze Zeug zu Hause im Netz.

Damals bestellte ich mit ein paar Clicks Wu wei – Die Kunst des Nichthandelns, das peinlicherweise unter «Lebenshilfe» gehandelt wird, im Internet. Kürzlich ist es mir wieder in die Hände gefallen. Auf der letzten Seite habe ich eine Notiz  hinterlassen. Sie lautet:

 

Copello

Sprengstoff

Terrorgefahr 11/10

80jährige Mutter schraubt den Sprengsatz zusammen

 

Das steht da jetzt ohne Kontext. Tao ist ja kein Sprengsatz, nicht einmal eine Philosophie. Ein ZenSpruch lautet: «Ich würde gerne irgend etwas anbieten, um Dir zu helfen, aber im Zen haben wir überhaupt nichts.» Gut, das Buch kann ich in einen offenen Bücherschrank stellen. Ich surfe in diesem großen Internet in meiner eigenen Cloud. Ob Amazon etwas mit dem Fluß zu tun hat? Undenkbar. Das Internet verhilft mir bald zum banalen Schluss: Das Wort Amazon steht für mich ausschließlich für den Konzern, keineswegs verbinde ich das mit dem Amazonas-Fluss, nicht einmal die berühmtberüchtigten Amazonen fallen mir ein, die dict.leo forsch als «männlich wirkende Frauen» bezeichnet. Die nüchterne Einschätzung meinerseits in  Sachen Amazon: medienverseucht und brainwashed. Der weltgrößte Online-Händler der Welt und sein Branding haben mir den wasserreichsten Fluss der Erde aus dem Kopf manövriert. Das Internet ist ein kommerzieller Marktplatz und das Selbst  und die Worte verfranzen sich darin. Das Wörtchen verfranzen kommt laut Wikipedia in Deutschland während des Ersten  Weltkriegs mit dem Spitznamen «Franz» für Beobachter und Navigatoren im Flugzeug auf; d. h. wenn ‹Franz› sich mit der Karte vertan hatte, dann hatte ‹Emil, der Pilot sich verfranzt›. Noch heute ist verfranzen eine Umschreibung für ‹die  Orientierung verlieren›. Auf Youtube gebe ich «Dokumentation» ein und erhalte: Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon.  Das hängt alles irgendwie zusammen: Amazon und 1-Click-zum-Abend-Express! Mit den Suchergebnissen im Netz, ohne Fluss. Sprengstoff und Tao. In jenem Buch, das ich über Amazon bestellt habe, steht tatsächlich geschrieben: «Wer am Fließband steht und eine Arbeit verrichtet, die ungeheuer monoton und geisttötend ist und dabei von der geleisteten Stückzahl das Einkommen abhängt, kann – [sic!] insofern er ein Mensch des Tao ist – ohne die innere Hektik seiner Arbeitskameraden und Leidensgenossen seine Aufgabe erfüllen.«

 

Leidensgenossen? Wie jene, die das besagte Buch verpackt und verschickt haben? Kann man mit Amazon-Leiharbeiterinnen über Gelassenheit und Gleichmut sprechen? Das ist nicht PC, vielleicht  sogar zynisch. Mit Sicherheit jedoch weltfremd. Ich verweigere mich. Ich stelle das Buch frei zur Verfügung. Ich mache mich auf den Weg und sehe offenen Auges in den Straßendreck. Der Hund scheißt. Ich verräume das mit taoistischer  Perfektion. Ich stelle mir den Amazonas vor.

 

 

Marietta Kindl

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