Im Gap von Burgenland und Brooklyn

Im Lande ob der Enns ist die Stimmung, trotz oder mit Musiktheater, ambivalent.

 

Man muss eingangs feststellen: Es gibt viele Aktivitäten von verschiedenen ProtagonistInnen, aber nicht sehr viele freie Gruppen in Linz und Oö, die ausschließlich von ihrem freien Kunstschaffen leben. So wenige, dass man diese Personen und Gruppen eigentlich schon unter Artenschutz stellen müsste. Andererseits herrscht so etwas wie theatrale Goldgräberstimmung im Land. Diese rührt daher, dass im April das neue Musiktheater eröffnen wird, das nicht nur ein Highlight baulicher und technischer Möglichkeiten darstellt, sondern als hochkulturelles Vorzeigeprojekt zwischen E und U, zwischen Oper und Musical, neue Besucherinnenschichten aus dem In- und Ausland anlocken soll.

 

Das neue Musiktheater und freies Bühnenschaffen miteinander zu diskutieren, macht eigentlich wenig Sinn – zu himmelweit unterschiedlich sind die künstlerischen, organisatorischen und finanziellen Unterschiede. Dennoch bündelt sich der Unmut der freien Szene immer wieder genau daran: Denn, Fakt zwei, neben der Wucht des Musiktheaters kam letztes Jahr die Kreditsperre ins Spiel, als Reaktion auf die Krise: Das Theater Spectacel Wilhering, als Beispiel, war erstmals von einer Subventionskürzung durch das Land Oö von 10 % betroffen. Joachim Rathke vom Theater Spectacel: «Es ist noch verständlich, wenn das alle betrifft. Tut es aber nicht: Das Musiktheater ist davon meines Wissens nicht betroffen. Ich finde es gut, ein neues Haus zu haben. Sehr bedenklich finde ich die Entwicklung, dass dieses ‹Haus› nicht als Aufführungsort für alle im Land produzierenden Gruppen mitgedacht wird. Wenn es Initiative gäbe, die freien Gruppen an diesem ‹Allgemeingut› partizipieren zu lassen, in Form von zur Verfügung stellen von Räumen, technischer Unterstützung, etc. und dass auf diese Weise freie Gruppen Anteil an diesem Förderreichtum hätten, wäre es fair und richtig.» Schlusssatz: «Die freie Szene wird immer mehr ausgehungert.»

 

Letzteres Statement unterschreiben auch andere Kunstschaffende, wenngleich sie gar nicht im Musiktheater mitgedacht werden wollen, zumindest nicht ohne dementsprechende Koproduktionsbudgets oder weil sie schlichtweg ihre eigenen Projekte und Strukturen besser ausgestattet haben wollen. Die IGFT, die bundesweit organisierte IG für Freies Theater, forcierte zuletzt das Thema einer «Neupositionierung des Theaters in Österreich» – analog zur Krise der Stadttheater in Deutschland. Sprich, konkrete Frage: Was bedeutet die Entwicklung in Deutschland, eine freie Szene vermehrt wertzuschätzen wegen der Krise, die die großen Betriebe in Frage stellt und hier für das Theater neue Chancen sieht? Was bedeutet das für Österreich? Das scheint aber eher vorbei an den oberösterreichischen Tatsachen zu gehen; bei einem Ausbau der großen Strukturen ist hier Tenor und Gefühl der Freien eher «fallen gelassen zu werden von dort, wo wir noch nicht waren». Während Projekt- und Jahresförderungen in Wien zweifellos ungleich höher dotiert sind, und es zudem Koproduktionshäuser gibt, die Infrastruktur und Zugang zu einem potentiellen Publikum generell darstellen, ist das in Oberösterreich und Linz gar kein Thema – was erstaunlich ist, wo doch die freie Kunst- und Kulturszene allgemein in Linz und Oö in Relation stark aufgestellt ist. Fakt ist, es gibt Verbesserungen im Tanzbereich. Nur: Dass die freie Szene in Linz generell eher nicht darstellend gemeint ist, ist wohl ein Linzer Spezifikum, das erst langsam durchdringt.

 

Unerfreulich ist, dass es bei der Entscheidung für den Bau des Musiktheaters von Seiten des Landes das Versprechen gab, keine Kürzungen im Bereich der freien Szene zu machen. Dies wird aber laut Aussagen von Kunstschaffenden nun dennoch praktiziert – und zwar auf unterschiedliche Weise: teilweise mit dem Argument der Kreditsperre, teilweise mit einem Angleichen des Landes an die niedrigeren Fördersummen der Stadt Linz. Eine kulturpolitische Frage, die sich aus dieser Angleichung ableiten lässt, geht in Richtung Stadt: Bekennt man sich in Linz zu diesem Schwachpunkt oder nicht? In der jetzigen Situation drängt sich für freie darstellende Kulturschaffende – trotz Musiktheater und dessen angestrebter Internationalität – der Slogan auf: «Linz ist Burgenland». Im Burgenland gibt es aber grundsätzlich andere Voraussetzungen – geographischer Natur, keine Ausbildungsstätte für den Theater-/ Tanzbereich; die Nähe von Graz und Wien und der Nutzung des kulturellen Angebots in diesen Städten, etc. Linz aber praktiziert seit Jahren den Wandel und die Entwicklung von der Industriestadt zur Kulturstadt. Das mag in vielen Bereichen auch gelungen sein – im Bereich der freien darstellenden Szene handelt es sich aber um eine Kulturstadt mit ausgeprägt «blinden Flecken» und «schwarzen Löchern» Seit Jahren gibt es seitens der KünstlerInnen und Gruppierungen Bemühungen um Probe- und Aufführungsräume. Tatsache ist, dass es einerseits mit Unterstützung von Stadt Linz und Land Oö gelungen ist, eine Proberaumstruktur für Tanz zu etablieren, andererseits gibt es trotz des Ankaufs der Tabakfabrik durch die Stadt für die freien Theaterschaffenden keinerlei Probemöglichkeiten oder kontinuierliche Aufführungsmöglichkeiten. Aktuell gibt es seitens der Stadt ein Bewusstsein (zumindest) dafür, es wird der Dialog mit den KünstlerInnen gesucht und (erneut) der Bedarf erhoben. Noch ist alles Ungewiss, die Räume der Tabakfabrik scheinen sich vorerst nicht zu eignen, da größere Investitionen getätigt werden müssten. Und: Durch das neue Musiktheater werden diverse Räume frei. So interessiert sich etwa die bühne04 für das Theater Eisenhand, die Detaillage dazu ist noch ungewiss.

 

Dass es in Linz und Oö kulturpolitisch gut wäre, vielleicht auch anlässlich der Eröffnung dieses großen «Tankers» Musiktheater, den Begriff der freien darstellenden Szene neu zu hinterfragen, kann auch von anderer Seite argumentiert werden. So ist das Theater Phönix, das seitens der Kulturpolitik als Flaggschiff der freien Szene gehandelt wird, doch eher Mittelbühne, so ist die Companie COV doch eher der Bruckneruniversität zugeordnet, so muss das Theater des Kindes trotz Zugehörigkeit zur freien Szene nicht ohne Haus, ohne angestelltes Personal oder ohne Produktionsbudgets auskommen. Dass sich die Dinge für das Theater des Kindes auch in den letzten Jahren zum Besseren gewendet haben, sprich etwa Bundesförderung und generell positive Entwicklungen im Haus, ist sehr begrüßenswert. Dass eine Verbesserung anderswo noch aussteht, ist Fakt: ein Fakt mit dringend notwendiger Tendenz zu Verbesserung, was die Förderung von Kunst, aber auch die Förderungen der Kunstschaffenden anbelangt, die gezwungen werden, unter prekären Bedingungen zu produzieren oder zu leben – auf verschiedensten Niveaus der Förderung. Auch wenn es einigen wenigen Gruppen gelungen ist, Bundesförderungen für ihre Produktionen zu bekommen, ist die Situation schwierig geblieben; eine Annäherung etwa an die Richtgagenbroschüre der IGFT liegt in weiter Ferne beziehungsweise werden Projekte bei Reduzierung der Mittel auf Minimalumsetzung getrimmt.

 

Linz ist Burgenland – so das eine gefühlte Fakt, und zwar direkt neben der Musiktheatereröffnung. Damit es aber nicht zu trübsinnig bleibt: In der Stadt gibt es auch noch eine andere Stimmung, dass hier nämlich eine Community nicht  zwangsweise eine darstellende Community bedeutet, sondern darüber hinaus gehen kann. In diese Richtung arbeiten in den  letzten Jahren auch einige AkteurInnen, in einer Überschneidung von Sparten, in Kooperationen über den darstellenden Bereich hinaus, und in einem generellen Feeling von Öffnung. So gesehen hat man ein wenig auch das Gefühl von einem kreativen Prozess, den eine zugezogene Künstlerin mit «Linz ist Brooklyn» beschrieben hat. Bleibt zu hoffen, dass dies von allen Seiten auch erkannt und dementsprechend unterstützt wird, damit das für die freien Kunstschaffenden kein kreatives und reales Überlebensgewurschtel bleibt. Übrig bleibt insgesamt der Bedarf an Verbesserung, an einer Diskussion über freie Szene, freien Tanz, freies Theater im Land – zu vieles wird kulturpolitisch zurzeit in einen Topf geworfen … und auch gegeneinander ausgespielt.

 

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