Kreative gründen anders!

Katharina Siegl über Existenzgründungen in der Kulturwirtschaft.

 

Wer Neues aus dem Pool der Ratgeberlitera¬tur für erfolgreiches Unternehmerinnentum in den Creative Industries („Seien Sie ein seri¬öser Geschäftspartner!”) befürchtet, kann auf¬atmen. Getreu dem Titel behandelt das Buch unter Verwendung von Interviews mit Grün¬derinnen die Andersartigkeit der Strategien von jungen Selbständigen im Kulturbereich. Der Vorrang intrinsischer Motive gegenüber Marktanpassungsstategien, ein oft ungenau definiertes Leistungsangebot und fehlende Businessplänen werden den Kreativen jedoch nicht als Manko angelastet, sondern als potenziell produktiver Faktor betrachtet. Nicht die Kreativen sind demnach aufgefor¬dert, sich der herrschenden ökonomischen Denke zu unterwerfen, sondern Politik und Verwaltung, Ausbildungsstätten, Kapitalgeber und nicht zuletzt die betriebswirtschaftliche Forschung werden aufgerufen, sich auf die spezifischen modi operandi der kulturell und kreativ unternehmerisch Tätigen einzulassen. Damit ist auch die Zielgruppe des Buchs breit angelegt. Jungunternehmerinnen in den Creative Industries finden in zwölf Interviews interessante Beispiele für die Praktiken von Gründerinnen. Die Bandbreite erstreckt sich dabei von vorwiegend künstlerisch Tätigen in sehr offenen Konstellationen bis hin zu dienstleistungsorientierten Akteurinnen mit einer klaren Expansionsstrategie. Leider wirken die Interviews zeitweise etwas zu sehr begradigt, einige standardisierte Antwort¬möglichkeiten verringern die Authentizität zusätzlich. Besonders ans Herz gelegt sei das Buch je¬doch jenen, welche die Creative Industries als Wundermittel zur Standortbelebung feiern. Ja, die Kreativwirtschaft ist wachstumsstark, innovativ und gut für’s Image. Aber ihre Förderung bedarf abgestimmter Maßnahmen und einer gewissen Offenheit für individuelle, prozesshafte Arbeits- und Lebensentwürfe. Die Herausgeberinnen schlagen dazu eine Reihe plausibler Lösungswege vor. Diese be¬treffen die Beratung in der Nachgründungs¬phase ebenso wie die Fremd- und Risikokapitalvergabepraxis, aber auch sozialräumliche Fragen zu den Vor- und Nachteilen von Clu¬stering oder von Gentrification. Nicht zuletzt kommen soziale Fragen wie die Instabilität der Erwerbssituation und ihre genderspezi¬fischen Auswirkungen zur Sprache. In Summe ist mit „Kreative gründen anders!” ein flott zu lesendes, differenziertes Buch gelungen. Der Untertitel „Handbuch” ist freilich etwas übertrieben. Aber abgesehen von einigen Schwächen im ersten Drittel vermittelt es einen guten Eindruck zu den Herausforderungen der Creative Industries für die wirtschaftliche Theorie und Praxis.

—————————— Herbert Grüner, Helene Kleine, Dieter Puchta, Klaus-P. Schulze (Hg.): Kreative gründen anders! Existenzgründungen in der Kulturwirtschaft. Ein Handbuch. transcript Verlag Bielefeld, 2009, 246 Seiten ISBN: 978-3-89942-981-7

Katharina Siegl lebt und arbeitet in Linz. Ihre Diplomarbeit „Arbeitsmarkt Kultur” (ge¬meinsam mit Martin Böhm) erscheint noch heuer im Trauner Verlag.

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