Vom RAND in die MITTE

Mieze Medusa über unbekannte Netzwerkfehler, Sozialverstaatlichung und einer coolen Mutter

 

Die KUPF-Mitgliedsinitiative spaceFEMfm hat sich was überlegt und wurde dafür völlig folgerichtig vom KUPF Innovationstopf mit Möglichkeiten (Geld) bedacht. In Zusammenarbeit mit Journalistinnen und Künstlerinnen entstand eine Sendereihe mit verschiedensten Formaten von Hörspiel zu Feature zum Thema „macht demokratie”, die auf allen Freien Radios in OÖ ausgestrahlt wird. Mieze Medusas Hörspiel „Brot von gestern” wurde eigens dafür verfasst und von spaceFEMfm produziert. Hier einige Gedanken der Autorin zum Thema „macht demokratie”.

Unbekannter Netzwerkfehler – Sozialverstaatlichung Erinnerte Zitate sind eine sichere Fehlerquelle. Trotzdem möchte ich meine Geographielehrerin und ihr Lehrbuch zitieren. ”Die Sozialpartnerschaft ist eine einzigartige Einrichtung im Dienst des sozialen Friedens und hat uns – im Gegensatz zu Deutschland, Frankreich oder auch Großbritannien – Streiktage und Arbeitskämpfe erspart.”1 Kreisky war schon nicht mehr, sein Diktum: ”lieber Steuerschulden als Arbeitslose”2 lag aber allen noch ganz gut im Ohr. Okay, die VOEST wurde teilprivatisiert, mein Vater mit ihr und von einer gemütlichen Gangart war keine Rede mehr. Überstunden wurden in einem Ausmaß erwartet, das ältere Arbeit¬nehmerinnen3 in die Frühpension scheuchen sollte. Die (die älteren Arbeitnehmerinnen) waren ja ohnehin teurer als die jungen4 und so konnten noch ein paar Kosten an Väterchen Sozialstaat, der’s schon richten wird, ausgelagert werden. Ein Freund meines Vaters glaubte, eine Nische entdeckt zu haben, und machte sich selbstständig – erfolgreich. Die erste Ich-AG war in mein Leben getreten – positiv besetzt. Ein wilder Hund, der sich was traut und dafür anständig verdient, nach wie vor. Als ich später von Kolleginnen aus dem IT-Bereich5, die von ihren Werkver trägen schwärmten, erzählte, war Daddy trotzdem misstrauisch und warnte vor dem Verschwinden der Arbeiterinnenrechte durch die Hintertür. Ich bin echt die letzte, der’s leicht fällt, das zuzugeben, aber: Papa, du hast recht gehabt.

Familienrechthaberei Natürlich hab ich ihm nicht geglaubt. Aus Prinzip schon mal nicht. Dann noch, weil ja im Unterricht die Sozialpartnerinnenschaft als ewige Wahrheit gepredigt wurde. So wie Landesgrenzen und Bodenschätze, rückwirkend haben sich die einen ordentlich verschoben, die anderen wurden verbraucht. Der Geschichtsunterricht sprang zu Beginn der Oberstufe vom 1. WK zurück in die Steinzeit, kurz vor der Matura hechelten wir den 2. WK und die Entwicklung Europas danach noch gschwind durch, aber da hatten wir, die Durchhechelnden, schon andere Sorgen, die Matura nämlich und das, was danach zu tun war. Die Zeit nach WK II erschien uns Äonen entfernt, hatte nichts mit uns zu tun, außer wir ärgerten uns grad über Altnazis oder den Haider6. Irgendwie ist mir nie aufgefallen, wie kurz der Zeitraum war, in dem sich der soziale (und andere) Frieden an uns erproben konnte. Komisch kam mir vor, dass ≥ 2 Kinder/Paar gebraucht wurden, um das System zu erhalten, ich stellte mir die Alpenrepublik überbevölkert bis an die Gipfelkreuze7 vor. So wie ich nicht verstehe, warum Wasser gespart werden muss, wenn’s doch ein Kreislauf ist, und warum weder Strom sparen noch Müll vermeiden Thema sind, wo’s doch eben kein Kreislauf ist.8

Kinder, lest Bücher. Es scheint, ich hab meine politische Bildung aus Kinder- und Jugendbüchern bezogen. Das spricht, glaub ich, für die Literatur, nicht gegen mich. Von dem Bürgerkrieg, der dem Anschluss anno 38 vorangegangen ist, weiß ich aus Lena, unser Dorf und der Krieg9. In einem Nöstlingerbuch10 hab ich mich gewundert, als die Mutter die Zeugnisse der Kinder nicht selber unterschreiben durfte, meine durfte ja. Jetzt weiß ich, dass erst 1975 eine Familienrechtsänderung den Begriff der väterlichen Gewalt abgeschafft und gleichberechtigte Beziehungen ermöglicht, nicht aber selbstverständlich gemacht hat. Das kommt mir gar nicht so äonenhaft vor. Rechte, die grad mal so alt sind wie ich, sind gefährdet. Das Private ist immer noch politisch. Mein Beitrag zur Sendereihe Macht/Demokratie im Rahmen von spaceFEMfm ist allerdings privater ausgefallen, als der Artikel bisher glauben machen möchte. In Brot von gestern geht es um eine Beziehung zwischen Mutter11 und Tochter. Denn Macht ist, was du zulässt und was du draus machst. Und wem aufgefallen ist, dass meine Mutter bisher nur in der Fußnote vorgekommen ist, die versteht das ohnenin.

1 Geographieunterricht in den 80er Jahren frei zitiert im nächsten Jahrtausend. Aber so ähnlich wird sie es schon gesagt haben. 2 Ach! Schon wieder aus dem Gedächtnis zitiert. kreisky.org bestätigt aber. 3 Ich erzähle, an was ich mich erinnere. Kolleginnen im technischen Managementbereich, naja, vielleicht wurden sie daheim auch nur nie erwähnt. Meine Mama übrigens hat mit über 50 den Wiedereinstieg versucht und geschafft. Tut was zur Sache und ich bin stolz darauf. 4 Die Annahme muss sein, dass die älteren Arbeiterinnen ebenfalls zur Frühpension motiviert wurden, obwohl die sicher weniger verdienten als ihre männlichen Pendants. 5 Sorry, wieder nur Jungs. Aber wartet noch ein Jahr, dann hat der Werkvertrag das Binnen-I gelernt. 6 Auch über die Heide Schmidt, bevor sie Liberales Forum und endcool wurde. 7 Nicht Gipfelhalbmonde, oh nein, das macht mir immer noch keine Alpträume. 8 Schon wieder sorry, aber ich lass mir von keiner Werbung meinen Hausverstand verunglimpfen. An aktiengestützte Altersvorsorge hab ich auch nicht geglaubt, und wer hat recht gehabt? 9 Käthe Recheis, sehr ans Herz gelegt. 10 Stundenplan, by the way. 11 Nicht um meine, die hat, hab ich’s schon erwähnt mit 50 wider jede Wahrscheinlichkeitsrechnung den Wiedereinstieg geschafft und, ja, ich bin mächtig stolz auf sie.

Mieze Medusa ist Autorin, Poetry Slammerin und Rapperin. 2008 erschien ihr Romandebüt „Freischnorcheln”. Im Herbst 2009 folgen ein Slam Poetry Buch („Doppelter Textpresso, mit Markus Köhle) und der zweite Longplayer „Tauwetter” der Band mieze medusa & tenderboy(!records). www.miezemedusa.com

Sendetermine 18.09.2009 „Her mit der Marie! Standpunkte zur Wirtschaftskrise und mögliche Strategien für die Zukunft” von Michaela Schoissengeier & Sabine Schauer.

25.09.2009 „Brot von gestern oder: Worauf Irene Ingrid Isebil Weichselbaumer so rumkaut und zu welchem Gedankenbrei sie dabei kommt. Eine Hörspiel von Mieze Medusa (Sprecherinnen: Mieze Medusa & Nadja Bucher). Eine Produktion von Michaela Schoissengeier & Helga Schager.

02.10.2009 „Frauenpotentiale – eine Reise ins Unbeforschte” von Elfriede Ruprecht-Porod & Hildegard Griebl-Shehata.

16.10.2009 „Grimmige Geschichten” Teil 1 – von Hildegard Griebl-Shehata, Helga Schager & Susanne Wiesmayr.

23.10.2009 „Grimmige Geschichten” Teil 2 – von Hildegard Griebl-Shehata, Helga Schager & Susanne Wiesmayr.

30.10.2009 „Die Macht der Sprache – ein Gespräch mit Luise F. Pusch” von Claudia Dworschak & Eva Immervoll.

06.11.2009 „Ave Marie” – DJini Godez und die Margit stöbern in der Plattenkiste nach Geld. Eine Produktion von Margit Happerger.

20.11.2009 „Neun Gedichte zur Macht der Machtlosen – Was Macht wäre – sollen die sagen – die keine haben!” von Brigitte Menne. Eine Produktion von Elfriede Ruprecht Porod & Helga Schager.

Sendezeit jeweils von 19.00 bis 20.00 Uhr (Wiederholung am Samstag von 11.00 – 12.00 Uhr) auf Radio FRO 105.0 MHz oder www.fro.at LIVE STREAM. Sendungsarchiv: cba.fro.at Suchbegriff: spacefemfm Kontakt: spacies@fro.at

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