EUphorie – EUphobie

Schule auf Rädern als Fahrendes Theater

 

10 Tage in Europa mit Europa für Europa vom 21. Sept. – 1. Okt. 1998

von Martha Berghammer Projektleitung, Sonder- und Montessoripädagogin Wir

Integrationsklasse 4c der HS Hart, 4060 Leonding, SchülerInnen zwischen 13 und 15 Jahren und zwei Jungs aus Norwich, GB. Mittlerweile sind wir auch der Verein KUKUSCH Kunst-Kultur-Schule.

Das Projekt

Wir spielten Theater in Salzburg, Linz, St.Pölten, Wien, um für eine rumänische Dorfschule Geld zum Ankauf von Schulmaterial zu überbringen.

Das Theaterstück

Das Theaterstück schrieben die Jugendlichen selbst. „girls meet outerspace“ – Außerirdische landen auf dem Planeten der Mädchen – das stellt die aktuellen und wahrscheinlich ewig wiederkehrenden Problemfelder der Pubertät und vielleicht überhaupt des Menschseins dar: im Miteinander sich selbst und seinen Platz zu finden, die Begegnung mit dem Fremden, … Regie: Gabi Deutsch (Theater des Kindes, Linz) Musik: Wolfgang Weissengruber (Linz)

Nebeneffekte

Da jedes Gruppenmitglied seinen Part im Projekt zu übernehmen hatte bzw. unterschiedlich intensive Unterstützung brauchte, entstand innerhalb der Gruppe ein sehr hoher Veranwortlichkeitslevel. Wir konnten im Hinblick auf die zukünftige Berufstätigkeit der Jugendlichen eine konkrete Betriebssituation simulieren, die uns durch reale Probleme ständig forderte. Die besondere Sensibilität von Gabi Deutsch machte es möglich, alle Jugendlichen darin zu unterstützen, ihre Rolle im Stück zu finden. So wurde das Theaterstück ständig erweitert und ausgebaut. Ein zwanzigminütiges Theaterstück für 21 Jugendliche! Ihr könnt Euch nun sicherlich vorstellen, wie diese Arbeit stärkt, Mut macht und den sozialen Prozeß innerhalb der Gruppe anregt. Der Hauptaspekt liegt im aktiven Handeln der beteiligten SchülerInnen und darin, die eigene Entscheidung zu treffen. Nur bei kritischen Punkten bot das „Fachpersonal“ Unterstützung an.

ÖBB-Fortbewegung

In 2 angemieteten Schlaf- und Speisewaggons wurde gearbeitet, gelebt und geschlafen.

Spende an die rumänische Schule

Geld- und Sachspenden im Wert von S 42.000,-.

Kosten

Rund S 200.000,- Die Landesförderung durch den Innovationstopf S 120.800,- und ca. S 80.000,- Sponsorengelder deckten unsere Ausgaben zur Gänze.

VIP’s

Frau Unterrichtsminister Gehrer in Wien, Landesschulratspräsident Dr. Riedl in Linz. Unsere allerliebsten VIP’s waren aber die englischen Jungs, Joshua und Craig, die sich wie zwei weitere Puzzleteile ins Gesamtsystem einfügten. Sie waren eine große Bereicherung. Das Heimfliegen fiel den beiden nicht leicht, Tränen flossen, ewige Freundschaftsbündnisse wurden geschworen, Jacken und Adressen getauscht.

Fahrt nach Rumänien

Der rumänische Zugschaffner hatte solch eine Truppe wie uns offenbar noch nie erlebt. Allein der Anblick unseres Gepäcks und der vielen Kartons mit Sachspenden, ließ ihm den Schweiß auf die Stirn treten. Einige Dollars brachten ihn in Bewegung und somit die Möglichkeit, Stauraum für alles zu finden. Der Zug fuhr ab und wir hatten eine Nacht, die ständig durch ungarische und rumänische Grenzkontrollen forsch gestört wurde. Am nächsten Morgen war es nur mit Dollars und Notbremsenbetätigungen möglich, alles aus dem Zug zu bekommen.

In Rumänien

Mit einem Bus kamen wir im kleinen Dorf in Siebenbürgen (Trannssylvanien) an. Das Land selbst präsentierte sich in seiner Zerrissenheit. Einerseits sehr schöne Landschaftsformen, die Häuser architektonisch hübsch errichtet – nur ist fast alles desolat und verkommen; ein permanent depressiver Schleier überdeckte alles. Die Dorfschule, ein Jugendstilbau, war ziemlich ruinös. Man hatte alle Böden, Tischchen und Stühlchen der Kleinen mit Altöl eingelassen, um sich Reinigungskosten zu ersparen. Der Geruch – unvorstellbar. Ein 40 m2 Klassenraum wird mit einer 40 Watt Glühbirne „aus“geleuchtet. Glühbirnen kosten ein Vermögen. Eine Umgebung für die Kinder, sich wohlzufühlen und lernen zu können? Wo hier ansetzen? Und wir waren da, um nur Konsum mitzubringen? Unsere Jugendlichen, oft sehr still, als ob sie für sich die Eindrücke aufsaugten. Sehr ruhige, klare Gespräche, die sie untereinander führten, zeigten, was sie beschäftigte. Ihre respektvolle Art, mit den Leuten umzugehen, die Stimmung in unserer Gruppe, zeigten eine tiefe Betroffenheit. Vielleicht waren sie sehr zufrieden mit sich, da sie wirklich etwas Tolles für die Schulkinder geleistet hatten. Im Pfarrhaus wurden wir von den Müttern der Schule liebevoll versorgt. Oftmals waren wir berührt, wie gastfreundlich die Menschen dort sind. Sie hatten große Minderwertigkeitsprobleme und doch wurden wir durch ihre Art sehr reich beschenkt. Ein Detail am Rande: Es wäre äußerst anmaßend gewesen, von einem „augewählten Kunstprojekt“ zu sprechen. Daher erzählten wir von einem „Kulturpreis für kulturellen Austausch“. Ein Zitat unserer Schülerin Judith: „Es war irgendwie alles sehr komisch. Alles ist ganz anders als bei uns. Die sind alle so arm! Und wenn man die Kinder sieht, wie sie spielen und lachen, merkt man doch wieder, daß es ihnen gefällt und daß sie zufrieden sind mit dem, was sie haben. Sie kommen damit klar. Ich schäme mich irgendwie, daß ich manchmal schon unzufrieden bin, weil ich keinen eigenen Fernseher bekomme oder keine neuen Schuhe. Wir besitzen so viel Überflüssiges und geben irre viel Geld für Dinge aus, ohne die man auch leben könnte. Es wurde mir erst jetzt bewußt, daß ich eigentlich ein ziemlich luxuriöses Leben führe!“

Zurück im Alltag

Wie wir heimkamen, könnt ihr Euch jetzt vielleicht vorstellen: gestärkt und sehr ausgeglichen. Wir haben ein anderes Stück der Welt gesehen, manche sind ein Stück reifer angekommen als sie fortfuhren. Und alle waren wir unheimlich stolz auf uns, das alles geschafft zu haben – gemeinsam!

Dankeschön

An alle, die uns unterstützten: Anna, Annemarie, Erich, Gabi, Gerlinde, Gustl, Hannes, Manfred, Marianne, Thomas, Toni, Walter, Wolfgang, u.v.a. An die KUPF-Leute, die uns dies durch ihre Initiative ermöglichten. Und an Herrn Mag. Ecker vom Kulturreferat der OÖ Landesregierung richte ich die Bitte, mehr Konstruktivität an den Tag zu legen. Ist er sich darüber bewußt, daß Vorfinanzierungen bei derartigen Projekten notwendig sind? Ich bekunde mein Unverständnis.

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