Geburtstag der Gallnsteine

Eine Annäherung an 20 Jahre Kulturarbeit, 20 Jahre Selbstausbeutung, 20 Jahre Freude und Frust! Ein Interview mit einem der Gründungsmitglieder der in Gallneukirchen beheimateten Gallnsteine – Wagner Johann.

 

Wird Wagner Joschi die Frage nach seiner Assoziationskette zu 20 Jahre Gallnsteine gestellt, fällt ihm oben genanntes dazu ein. Kein Wunder, denn Kultur im gemeinnützigen dritten Sektor basiert meist auf Ehrenamt, obwohl Kultur heute wegen ihrer wertschöpfenden und -steigernden Kraft (für Staat und Privatperson gleichermaßen) wie eine magische Substanz, wie ein Wundermittel gehandelt und als Modus der Wertproduktion postuliert und instrumentalisiert wird. Die Kreativen, die nicht ehrenamtlich arbeiten, sind von der Prekarisierung der Arbeit, vom Verschwimmen der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit und ebenso von Arbeit und Arbeitslosigkeit betroffen. Die Prekarität dringt in das gesamte Leben vor.1 So verwundert es kaum, wenn nach 20 Jahren Kulturarbeit in einer Kulturinitiative, die zwar Kultur produziert, jedoch meist nur (wenn überhaupt) einen Obolus für dieses Engagement bekommt, die Schlagwörter – Selbstausbeutung, Freude und Frust fallen.

Die Idee, die zur Gründung der Gallnsteine geführt hat, bezeichnet Wagner Joschi als unspektakulär, aber für die Gallnsteine wichtig: »Für Interessierte und natürlich für uns, Kultur nach Gallneukirchen zu bringen! Wir wollten etwas ins Rollen bringen.« 20 Jahre danach, so Wagner weiter, verfolgen die Gallnsteine ihre Arbeit unter der Prämisse: Weniger ist mehr! »Das heißt, die Leute sollen nicht nur Zustimmen, sondern auch Verantwortung übernehmen. Außerdem sind wir im Moment sehr mit unserem Privatleben beschäftigt, jedoch haben uns unsere Besucher bei einer Umfrage Ermutigendes zu unserer Arbeit mitgeteilt.«

Mit der Devise Weniger ist mehr! dürften die Gallnsteine im Kulturbetrieb eine der Ausnahmen bilden, denn nicht zu übersehen ist die laufende und immer wieder kehrende Debatte über Kultur und Wert und den damit verbundenen kulturpolitischen Dokumenten, die auf den »kulturellen Wert« verweisen sollen, jedoch diesen leider zum entwerteten Begriff machen. Dieser ist dann nur mehr in einer quantitativen Perspektive (z.B. BesucherInnenzahlen, etc.) wahrnehmbar und dient dann lediglich dazu, die soziale Inklusion zu überwachen und Daten für SponsorInnen und AnzeigenkundInnen zur Verfügung zu stellen. Somit ist der ökonomische Wert der Wert, der wertvoller ist als alles andere.²

»Bei den Gallnsteinen«, so Joschi weiter, »wurden die Förderungen hart erkämpft, jedoch ist die der Gemeinde seit Jahren gleich, aber sicher nicht zu viel! Von der Landes- und Gemeindepolitik würde ich mir wünschen, die Kultur nicht für politische Zwecke zu missbrauchen, und da Kultur ein wichtiger Bestandteil unseres Zusammenlebens ist, soll Kultur auch allen die Möglichkeit geben, davon zu leben und sich nicht selbst ausbeuten zu müssen!« Die Vielfalt des kulturellen Programms der letzten 20 Jahre ist enorm und unzählig sind die Namen der KünstlerInnen, die sich bereits nach Gallneukirchen begaben. »Wichtig ist für uns immer noch Akzeptanz, auch des Fremden« meint Joschi Wagner zum Programm, »und sich nicht von der Parteipolitik vereinnahmen zu lassen, aber sich sehr wohl politisch zu positionieren!«

Kultur ist gegenwärtig ein wichtiges Terrain für die politische Identitätsbildung, aber nicht ausschließlich, denn ebenso muss die Eigengravitation im Kunstfeld mitgedacht werden, die heißt, dass Politik in der Kultur in erster Linie Kultur ist und spezifische Distinktionsfunktionen erfüllt und erst in zweiter Linie Politik.³ Aber leider sind wir auch gezwungen, die Show oder das Spektakel Politik sehen bzw. ertragen zu müssen und so leben wir in einer Welt des vermittelten politischen Theaters und werden zur Passivität verleitet bzw. verstärkt dieses Theater die Passivität.4 Dass es schwierig ist, junge Menschen für ehrenamtliche Vereinsarbeit zu begeistern, mussten auch die Gallnsteine feststellen. So antwortet Joschi Wagner auf die Frage, ob es Nachwuchs gäbe: »Der Nachwuchs ist im Moment nicht sehr üppig vorhanden, aber für viele von den Gallnsteinen würde weniger mehr sein!« Zur abschließenden Frage, was denn das Besondere an den Gallnsteine sei, meint Joschi: »Das Besondere ist eigentlich nichts besonderes, aber sehr wichtig – Lebenskultur, soziokulturelle Ziele!« Besten Dank fürs Interview und auf die nächsten 20 Jahre!

Martin Böhm studiert Soziologie und ist Mitbegründer des KV Woast, im Vorstand der KUPF – Kulturplattform OÖ und Aktivist bei qujOchÖ.

1 vgl. Leslie E. (2007): Mehr Wert für die Inhalte: Die Verwertung der Kultur heute. In: Raunig G./Wuggering U. (Hg.): Kritik der Kreativität, Turia und Kant Verlag, Wien, S. 56f. 2 vgl. ebd., S. 57. 3 vgl. Marchart O. (1999): Das Ende des Josephinismus – Zur Politisierung der österreichischen Kulturpolitik, edition selene, Wien, S. 53. 4 vgl. Leslie E. (2007): Mehr Wert für die Inhalte: Die Verwertung der Kultur heute. In: Raunig G./Wuggering U. (Hg.): Kritik der Kreativität, Turia und Kant Verlag, Wien, S. 62.

 

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