„Wir sind Oberösterreich“ – Ein Nachruf

Anfang des Jahres endete diese große Sonderausstellung im Linzer Schlossmuseum. In den neun Monaten ihrer Laufzeit hat sich einiges getan in diesem Land, das museal so positiv beschworen wurde. Mittlerweile hat die Direktorin gekündigt, nachdem sie aus den Medien erfahren musste, dass ihr Vertrag nicht mehr verlängert werden sollte. Die Online-Petition #kulturlandretten wurde mittlerweile schon von mehr als 17.000 Menschen unterschrieben, weil sie gegen Kürzungen des Kulturbudgets sind. Ständig hört man Beschwichtigungen, stückweise erfährt man von weiteren Streichungen und künftigen Plänen aus der Zeitung.

Von Siegfried Kristöfl – Historiker, Mitglied des OÖ. Kulturbeirates

Eine Ausstellung worüber? Über ein Bundesland und deren eineinhalb Millionen Einwohner? Nein. Bloß eine Ausstellung über 26 museumsreife Persönlichkeiten aus Oberösterreich. Ihr Leben und ihr Wirken lassen einen bunten Kosmos aus Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft entstehen, in dem Vöcklabrucker Eternit und Gmundner Keramik miteinander harmonieren, Regenwürmer beobachtet und Gräberfelder protokolliert werden. Wo Biedermeiermaler einen Ohrring tragen und abenteuerlustige Bäcker einen Kopfschmuck der Maori. Wo eine kommunistische Dichterin und verhinderte Jesuiten denselben Platz haben wie Firmengründer. Hier sind alle save. Es muss ein gutes Land sein, dieses OÖ.

Ja, diese Auswahl und diese Ausstellung sind auch ein ordentliches Sehnsuchtsstück. Das Museum träumt Oberösterreich groß, positioniert es als selbstbewusst und bettet es in eine wohlwollende Welt. Niemand stößt sich hier am verqueren Handeln von Forschern und Künstlern. Das Gestaltungsteam findet die richtigen Worte für die Selbstverständlichkeit kreativen Tuns. Es ist diese Liebe zu Miniaturen, die deren Erzählung durchwärmt. Es ist die sonore Resonanz auf Nischen, die die Präsentation als tiefer Ton durchsummt.   Die Porträts der 26 könnten – so ist der Anspruch – ebenso in einem Seminar an einer Kinder-Uni präsentiert werden. Gut so. Aber wäre es nicht noch besser, so eine Identitätsparade als Wanderausstellung zu entwickeln? Eine Präsentation, die man auf Tournee schickt, sowohl grad mal über die Grenze zu den Nachbarn, als auch weit fort, nach China oder wohin sonst. Das ausgebreitete Oberösterreich der Ausstellung ist eine kreierte Marke, die kommuniziert gehört. Daher lesen sich die Abschnitte der Ausstellung auch wie griffige Claims: „Wir sind bekannt“, „… neugierig“, „… fantasievoll“, „… abenteuerlich“, „… erfinderisch“, „… modern“ oder „wir sind ausgezeichnet“. Derart werden die präsentierten Role Models zu Figuren eines oberösterreichischen Storytellings. Die Gestaltung und Inszenierung der Ausstellung sind dessen Beginn. Sie eröffnen einen Weg, OÖ mit anderen Augen zu sehen und Aufmerksamkeit für Kreativität in der Geschichte des Landes zu schüren.

Die Präsentation ist ein Spielball, der vom Linzer Schlossberg aus weit ins Land geschossen werden wollte, in dieses Oberösterreich, das seit dem Frühjahr 2017 eine neue Regierung, einen neuen Landeshauptmann und neuen Kulturreferenten hat. Doch der Ball flog nicht, sondern päppelte, wenn überhaupt, über die Stufen hinab in die leeren Gassen der Altstadt, mindestens so leer wie die Kassen, die die alte Regierung hinterlassen haben soll – sofern man den Begründungen für das Sparprogramm Glauben schenken möchte. Das neue türkis-blaue Budgetziel: kein Minus mehr! Die Schuldenbremse wird gezogen. Der Zugriff wirkt wie ein erstes Ausprobieren. Macht man Ähnliches – nämlich Handbremse ziehen – lenkend auf Glatteis, schlingert das Vehikel. Und prompt entstehen Schäden.   Die große Befürchtung ist nicht, dass Kultur ihre Aktiven, ihr Budget und ihr Publikum verliert, sondern ihre einflussreichen Fürsprecher und kompetenten Ombudsleute. Die Kulturpolitik setzt zwar aufs Oberösterreichische und auf Exzellenz, versteht darunter aber etwas Anderes als uns im Museum gezeigt wurde. Denn könnte es etwas Passenderes für eine Kulturregion geben als eine Ausstellung, auf der groß „OÖ“ steht und die „OÖ“ darstellt in einer Ausstellungssprache des 21. Jahrhunderts? Das Schwärmen von fantasievollen Menschen und einem neugierigen Land ist zu Ende. Familienfreundlichkeit ist nett, öffnet aber nicht die Herzen der Entscheider, genauso wenig der empathische Einsatz für Kreativität. Humanistischer Geist ist schön und gut, aber nicht ausreichend. Ein Spielball ist lieb, aber neue Spiele reizen viel mehr. „Alexa, mach die Musik lauter und dann spar ein wenig an Kultur!“

Foto: „Wir sind … neugierig“ – was da auf uns zukommt im Land und was dort ausgebrütet wird im Land? OÖ Landesmuseum, A. Bruckböck

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